Scanning im Fussball: je häufiger, desto erfolgreicher
Im Fussball werden Entscheidungen oft in Sekundenbruchteilen gefällt. Passen, schiessen oder dribbeln? Gute Entscheidungen sind häufig das Resultat einer perzeptuell-kognitiven Fertigkeit, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt – aber spielentscheidend sein kann: das sogenannte «Scanning». Mit genau dieser Fähigkeit hat sich Mirjam Hintermann von der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen EHSM in ihrer Doktorarbeit intensiv beschäftigt.
Scanning beschreibt die aktive Kopfbewegung einer Spielerin, bei der sie den Blick bewusst vom Ball löst. Sie orientiert sich: Wo stehen die Mitspielerinnen? Wo lauern die Gegnerinnen? Wo öffnen sich Räume? Wer das Spielfeld regelmässig «liest», verschafft sich einen entscheidenden Informationsvorsprung – noch bevor der Ball überhaupt ankommt.
Engagement für den Frauenfussball
Im Zentrum der Forschung: U19-Spielerinnen im Elite- und Breitenfussball. Im Männerfussball wurde das Scanning in den letzten Jahren vermehrt untersucht. Es zeigte sich, dass die Häufigkeit und das Timing des Scannings eine entscheidende Rolle für eine erfolgreiche Folgeaktion mit dem Ball spielt. Bislang fehlten vergleichbare Erkenntnisse für den Frauenfussball weitgehend. «Unterschiede zwischen dem Männer- und Frauenfussball – von körperlichen Voraussetzungen bis hin zu taktischen und strukturellen Faktoren – können die Spieldynamik verändern», sagt Hintermann. «Damit unterscheiden sich auch die Anforderungen an Wahrnehmung und Entscheidungsfindung, was die Bedeutung einer speziell auf den Frauenfussball ausgerichteten Forschung unterstreicht.»
Grundlage ihrer Arbeit bildeten detaillierte Videoanalysen von Spielsituationen, was das genaue Verhalten der Spielerinnen auf dem Spielfeld abbildet. Untersucht wurde nicht nur, wie häufig und wann Nachwuchsspielerinnen scannen, sondern auch, ob sich dies auf den Erfolg der anschliessenden Aktion auswirkt – und wie stark gegnerischer Druck dabei eine Rolle spielt.
Die Ergebnisse sind deutlich: Elite-Spielerinnen scannen häufiger als Breitenfussballerinnen – vor allem unmittelbar vor der Ballannahme. Insgesamt zeigt sich: Wer häufiger scannt, agiert erfolgreicher – unabhängig vom Leistungsniveau. Ein hoher gegnerischer Druck reduzierte bei allen Spielerinnen sowohl die Häufigkeit des Scannings als auch den anschliessenden Handlungserfolg.
Die Rolle der Coaches
Ob dieses Verhalten trainierbar ist und welche Rolle dabei Trainerinnen und Trainer spielen, ist bislang eine ungeklärte Frage. Mirjam Hintermann hat deshalb zwei weitere Studien durchgeführt. Eine davon untersuchte die unmittelbaren Auswirkungen von verbalen Instruktionen auf das Scanning-Verhalten und das Ergebnis der Folgeaktionen bei Elite-Nachwuchsspielerinnen. Es zeigte sich, dass die Spielerinnen vor der Ballannahme jeweils zu fast 30 Prozent häufiger das Spielfeld scannten, wenn die Trainerinnen ihnen gezielte Hinweise dazu gaben.
Die zweite Studie untersuchte ein fünfwöchiges, auf Scanning ausgerichtetes Trainingsprogramm bei U19-Spielerinnen auf Elite- und Breitensportniveau. In der Interventionsgruppe zeigte sich ein signifikanter Anstieg des Scannings pro Spielsituation, der auch nach zwei Wochen erhalten blieb. Bei den Breitensportlerinnen traten hingegen keine signifikanten Verbesserungen auf, was darauf hindeutet, dass entweder ein grundlegendes motorisches Niveau erforderlich ist oder längere Trainingszeiten nötig sind, um von perzeptiv-kognitivem Training zu profitieren.
Die Doktorarbeit liefert evidenzbasierte Grundlagen für das Coaching. Trainerinnen und Trainer erhalten praxisnahe Instrumente, um ihre Spielerinnen gezielt zu unterstützen und die perzeptiv-kognitiven Fähigkeiten im Spiel optimal zu fördern.
Zur Person
Mirjam Hintermann hat ihr Masterstudium im Bereich Sport mit Spezialisierung auf Spitzensport an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen EHSM absolviert. Ihr Doktorat absolvierte sie in Magglingen und an der Universität Fribourg. Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Trainingswissenschaft.
Portrait Mirjam Hintermann, Publikations- und Projektdatenbank EHSM
Mehr dazu
- The influence of scanning behaviour on performance during 4v4 small-sided games in youth female football, Taylor & Francis
- Optimizing Scanning in Youth Female Football: The Role of Verbal Instructions, PubMed
- «Heads Up Girls!» a training intervention to improve scanning behavior in youth female football, Frontiers
- Head Up, Girl! Scanning verbessert die Leistung im weiblichen Jugendfussball, Swiss Olympic Science Award 2024, 2. Platz

Trainingswissenschaft
Die Schwerpunkte des multidisziplinären Forschungsansatzes liegen in der Talententwicklung und -identifikation sowie der langfristigen Leistungsentwicklung.

