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MitteilungVeröffentlicht am 30. September 2020

Kondition als Beruf – Fussball als Berufung

Der Frauenfussball kommt immer stärker ins Rampenlicht. Trotzdem ist es noch lange kein Normalfall, wenn eine Frau als Trainerin bei den Männern aktiv ist. So wie Marisa Wunderlin, die Assistentin im A-Nationalteam der Schweizerinnen und gleichzeitig Athletiktrainerin beim Challenge-Ligisten SC Kriens ist.

Freitagnachmittag, zwei Wochen vor dem Start in die neue Saison. Der SC Kriens steckt mitten in den Vorbereitungen. Wie wohl in allen Klubs wird konzentriert gearbeitet. Und dennoch ist es nicht so wie «normal», was auch immer das heissen mag. Das Aufwärmen und die ersten Übungen werden von Marisa Wunderlin geleitet. Ihre Anweisungen sind laut und deutlich, deutsch und französisch, mit Argusaugen schaut sie den Spielern zu, läuft mit, nimmt kurz und knapp Feinjustierungen vor. Cheftrainer Bruno Berner beobachtet das Treiben aus der Ferne, gibt kein Wort von sich. Man kann dies problemlos als Vertrauensbeweis werten. Marisa Wunderlin ist zu diesem Zeitpunkt erst drei Wochen im Amt, aber schon voll integriert. Nervös sei sie vor ihrem ersten Training mit den Männern des SC Kriens sicher gewesen, sagt sie später, «aber das ist man vor jedem neuen Job». Ihr komme wohl zugute, dass sie sieben Jahre Sport studierte, ein Lehrgang, in dem Männer in der klaren Überzahl sind. «Ich fühle mich ein wenig ‹back to the roots›, einfach in einer anderen Rolle. Und es gehört auch dazu, dass beide Seiten Sprüche machen.»

Bessere Trainerin als Spielerin

Im Leben der 33-Jährigen in Bern lebenden St. Gallerin sind der Sport und der Fussball zentral. Sieben Jahre spielte sie einst in der NLA Fussball, beendete ihre Karriere aber bereits mit 23 Jahren. Sie sagt: «Ich war nie eine so gute Spielerin, wie ich sie gerne gewesen wäre. Es kamen die Momente,  in denen ich realisierte, dass ich nicht das umsetzen kann, was ich müsste. Zuerst war es ein Frust, nach zwei Jahren konnte ich mich dann damit abfinden, dass es als Spielerin nicht wie gewünscht klappt.» Schon da war ihre Trainerkarriere aber vorgespurt. Marisa Wunderlin hatte mit 17 Jahren das C-Diplom absolviert und die Faszination des Trainerdaseins erkannt. In Kombination mit dem Sportstudium begann sie später, gemeinsam mit einer Kollegin vor dem eigenen NLA-Training die U14-Mädchen zu trainieren und startete beim YB-Nachwuchs bei den Jungs mit drei Morgentrainings pro Woche. Während sie da den Konditionsteil betreute, konnte sie dabei auch erstmals bei den Profitrainern und ihren Fussballteilen reinschnuppern. «Der Knackpunt kam dann, als ich merkte, dass mein Potenzial als Trainerin wohl grösser ist als jenes als Spielerin», erklärt sie schmunzelnd. Die Trainerkarriere nahm dann ihren Lauf. Die Jungtrainerin sammelte Erfahrungen in Thun, Worb, im Lyon-Nachwuchs und beim FCZ, ehe sie 2016 zu YB zurückkehrte, um als Cheftrainerin die NLA-Mannschaft zu übernehmen. Das tönt nach einer wohldurchdachten Karriereplanung, ist es aber keineswegs. Marisa Wunderlin sagt lachend: «Bei mir funktioniert es immer so: Ich bin sehr klar in dem, was ich lernen möchte und was ich als nächstes für mich brauche, um mit mir zufrieden zu sein. Ich brauche eine Herausforderung, eine gewisse Überforderung phasenweise, um zu wissen, dass ich daran bin, besser zu werden.» Die Folge davon sei, dass es immer einen Schritt weiterging, «und lustigerweise öffnen sich immer dann Türen, wenn ich finde, dass ich etwas im Griff habe und eine neue Herausforderung suche».

Von Nils Nielsen lernen

So war es auch, als Nationaltrainer Nils Nielsen auf den 1. Januar 2019 eine Assistentin für das A-Nationalteam der Frauen suchte. Wunderlin war damals YB-Cheftrainerin und arbeitete, wie heute noch, als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesamt für Sport. Sie sagte zu, bekam im Baspo ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub, damit sie die Saison mit den Young Boys abschliessen konnte. Von der Cheftrainerin bei einem NLA-Klub zur Assistentin in einem Nationalteam. Ist das überhaupt eine Herausforderung? «Wenn man nur die Verantwortung bezüglich Chef- oder  Assistenzrolle betrachtet, war sie für mich bei YB grösser», antwortet die 33-Jährige. «Es geht für mich aber darum, was ich kann und was ich als nächstes lernen muss, um besser zu werden. Es war für mich wichtig, nach drei Jahren als Trainerin in der NLA neue Inputs von besseren Trainern zu bekommen.» Der Kontakt mit Nielsen habe ihr Möglichkeiten aufgezeigt, wie man beispielsweise eine Kultur in einem Team oder in einem grossen Staff aufbauen könnte. «Das ‹culture building› fasziniert mich enorm, da kann ich von ihm viel lernen. Aber irgendwann möchte ich das Gelernte selber umsetzen, doch da habe ich noch Luft nach oben.» Die Resultate im Nationalteam zeigen, dass die Führung den Ton trifft und die Spielerinnen ein Team bilden. Die Schweizerinnen sind auf gutem Weg, die Qualifikation für die EURO 2022 in England zu schaffen. Im Kampf um die direkten Tickets werden ziemlich sicher die Direktbegegnungen mit den Belgierinnen am 22. September und 1. Dezember entscheiden. «Ich habe ein gutes Gefühl, aber es gilt, auch die restlichen Spiele zu gewinnen und nicht zu früh an Belgien zu denken», sagt die Assistenztrainerin. Zeit, um sich in Gedanken zu verzetteln, hat Marisa Wunderlin momentan sowieso nicht. Bis im Dezember ist sie weiterhin beim Baspo tätig, dort arbeitet sie in der Sportphysiologie mit dem Schwerpunkt Leistungsdiagnostik Spielsport, das heisst Eishockey-, Handball und Fussballspielerinnen und -spieler. «Wir führen Leistungsmessungen durch und empfehlen Umsetzungen», erklärt Wunderlin, die zudem für eine Vorlesungsreihe im Bachelor-Studiengang verantwortlich ist und ab und zu in der Trainerbildung mithilft. Dank dem Entgegenkommen ihres Chefs Markus Tschopp, der zum Staff des A-Nationalteams der Männer gehört, kann sie ihr Pensum nun schrittweise reduzieren, ehe sie im Dezember das Baspo verlassen wird, gleichzeitig wird sie ihre Tätigkeit in Kriens kontinuierlich erhöhen und ab Dezember zu 50 Prozent beim Challenge-Ligisten tätig sein.

Wertvolles Beziehungsnetz

Auch bei diesem nächsten Schritt in ihrer Karriere hatte sich zum richtigen Zeitpunkt eine Türe geöffnet. Mit Bruno Berner stand sie in Kontakt, seit sie bei den FCZ-Frauen Assistentin und er bei den Zürchern Nachwuchstrainer gewesen war. Nach Vorgaben des Schweizerischen Fussballverbandes braucht ein Klub für das Label Leute zu gewissen Prozentsätzen in gewissen Positionen. Kriens hatte die Position des Konditionstrainers nicht ausfüllend besetzt, «und es war mein Glück, dass es nicht Hunderte von Personen mit den nötigen Diplomen auf dem Markt gibt». Sie war so gesehen zur richtigen Zeit am richtigen Ort und verfügte über die richtigen Kontakte. Ihr Beziehungsnetz, zu dem auch Kriens-Goalietrainer Guido Stadelmann gehört, der gleichzeitig Trainer der Schweizer Nationaltorhüterinnen ist, hatte sich als wertvoll erwiesen. «Zudem wusste ich, dass Bruno Berner nicht einfach jemanden sucht, der die Hütchen verschiebt.» Im Werdegang von Marisa Wunderlin wiederholte es sich bisher immer wieder, dass sie den Sprung in eine neue Aufgabe als Konditionstrainerin schaffte, um sich später intensiver mit dem «reinen» Fussball zu beschäftigen. Der Konditionsbereich ist ihr beruflicher Hintergrund, das Trainerwesen langfristig ihre Berufung, sagt sie: «Mein Herz schlägt für das Dasein als Fussballtrainerin, das habe ich Bruno Berner auch nie verheimlicht. Ich bin auch in Kriens, um von ihm aufzusaugen, zu sehen, was er warum und wie macht. Wenn ich eine bessere Trainerin werden will, muss ich bei Leuten wie Bruno Berner Erfahrungen sammeln, mit ihnen arbeiten.» Auch Burim Kukeli sei für sie wertvoll. Der Routinier ist Assistenztrainer, wird aber während der Saison auch in die Hosen steigen, was Wunderlin zusätzliche Perspektiven eröffnet.

Suche nach der Perfektion

Marisa Wunderlin will beim SC Kriens vorwärtskommen, die Spieler, aber auch sich selbst weiterentwickeln. Sie ist ein äusserst ehrgeiziger Mensch, strebt nach der Perfektion. Auf diesem Weg vertraut sie mehr ihrem
Kopf als ihrem Herzen und so erstaunt es auch nicht, dass sie keine Träume oder Visionen hat. «Es gibt Leute, die sagen, man müsse wissen, wohin man wolle, um dann über den nächsten Schritt entscheiden zu können. Bei mir ist das nicht so. Es gibt Punkte, von denen ich weiss, dass ich besser werden muss, um mit mir zufrieden zu sein», so Wunderlin. Klar ist, dass sie irgendwann wieder als Cheftrainerin tätig sein will, ob bei den Männern oder Frauen, ist offen. Besonders am Herzen liegt ihr, dass es im Schweizer Frauenfussball gelingt, den Spielerinnen die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu bieten. Sie sagt: «Davon sind wir noch weit entfernt, alle müssen noch grosse Abstriche machen. Es wird immer Unterschiede zum Männerfussball geben, aber wir müssen die Lücke verkleinern. Dafür brennt meine Leidenschaft. Wenn ich in zwei Jahren merke, dass ich etwas lernen möchte, was im Frauenfussball nicht möglich ist, können es auch wieder die Männer sein. Damit ich das Gelernte später wieder zu den Frauen bringen kann.» Es ist also gut möglich, dass Marisa Wunderlin auch in Zukunft im Fussball-Kosmos in zwei Welten aktiv sein wird.

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