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Veröffentlicht am 20. Juni 2023

Drei Fragen an Joëlle Flück

Joëlle Flück wird an der Magglinger Trainertagung 2023 als Expertin zu den Themen Ernährung, RED-S und Supplementierung auftreten.

Joëlle, du bist Präsidentin sowie Geschäftsführerin der Swiss Sports Nutrition Society und ehemalige Leistungssportlerin. Im Rahmen der Magglinger Trainertagung geht es um das Thema «Energie – tanken, speichern und nutzen». Dabei kommen viele Facetten zu tragen, unter anderem auch deine Spezialgebiete wie Ernährung, RED-S und Supplementierung. Für dich ist wissenschaftliche Evidenz einer der wichtigsten Faktoren für die Implementierung ernährungsspezifischer Massnahmen im Training und Wettkampf. Im Bereich Ernährung gibt es nach wie vor viele Denkfehler wie beispielsweise, dass Spinat viel Eisen enthalte. Wie begegnest du solchen Denkfehlern und welche drei evidenzbasierten Grundsätze empfiehlst du Trainerinnen und Trainern unabhängig der Sportart?

Als Fachgesellschaft für Sporternährung versuchen wir möglichst viel Aufklärungsarbeit zu leisten. So stellen wir in sogenannten «Hot Topics»oder auch im Supplementguide die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse allen Trainerinnen und Trainern zur Verfügung. Über Infografiken versuchen wir auch visuell die Themen zu platzieren. Über Verbandsprojekte, Inputreferate oder Workshops sowie über Einzelgespräche mit Athletinnen und Athleten können wir Optimierungspotenzial aufzeigen und zur steten Leistungs- und Gesundheitsentwicklung beitragen. 

Meine drei Grundsätze: 

  • Versuche die Proteinzufuhr sowie deren -verteilung zu optimieren. Das ist unabhängig von der Sportart ein relevanter Faktor, welcher sehr häufig vernachlässigt wird (Bsp. Ausdauersport). Empfohlen sind 1,6 bis 2,2 g Protein pro Kilogramm Körpermasse, verteilt auf 5 bis 6 Portionen während dem Tag (ca. 3 h dazwischen).
  • Versuche deine Kohlenhydratzufuhr auf einen Trainingsload sowie die Trainingsinhalte abzustimmen. Man sieht in den individuellen Beratungen immer wieder Athletinnen und Athleten, welche jeden Tag die gleiche Routine im Sinne der Energiezufuhr haben, unabhängig davon, wie viel oder intensiv sie trainieren. In gewissen Fällen liegt die Energiezufuhr an Ruhetagen gar massiv höher, als die Zufuhr an intensiven Trainingstagen.
  • Setze Supplemente strategisch so ein, dass du in gewissen Trainings- oder Wettkampfphasen deine Erholungs- oder Leistungsfähigkeit optimieren kannst.

Ein sehr aktuelles Thema ist das relative Energiedefizit-Syndrom RED-S. Welche Frühanzeichen gibt es für ein solches Defizit und welche Massnahmen empfiehlst du bei den ersten Anzeichen?

Es gibt viele Anzeichen, die auf ein relatives Energiedefizit hindeuten können, aber nicht zwingend «müssen». Ein grosser Gewichtsverlust in wenigen Wochen, das Ausbleiben der Menstruation bei Athletinnen oder die Verminderung der Knochendichte sind einige davon. Auch Müdigkeit, eine hohe Verletzungs- oder Infektanfälligkeit oder auch Leistungsstagnation und Ausbleiben von Trainingsanpassungen können darauf hindeuten. 

Ich würde generell jeder Athletin und jedem Athleten empfehlen, sich ein gutes Netzwerk aus Experten der Sportmedizin, Sporternährung, Sportphysiotherapie und Sportpsychologie aufzubauen. Das Absolvieren der jährlichen sportmedizinischen Untersuchung, bei Athletinnen ein regelmässiger Untersuch in der Gynäkologie sowie eine Beurteilung und Optimierung der Nährstoffzufuhr, angepasst auf die individuellen Ziele und Trainingsinhalte, sind weitere Massnahmen, welche in der Prävention helfen können. Bei einem akuten Verdacht auf ein RED-S hilft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit dieser Fachkompetenzen mit der betroffenen Person (Athletin oder Athlet) und deren Umfeld (Trainer/in, Eltern, Partner/in), die bestmögliche Begleitung zur Ursachenbehebung einzuleiten. 

Welche konkreten Beispiele gibt es für die sinnvolle Nutzung von Supplementen. Was ist zu beachten und wie kommt man an Supplemente, ohne Gefahr zu laufen, dass die Supplemente verunreinigt sind?

In einer individuellen Beratung versuche ich immer die Gesamtsituation der Athletinnen und Athleten zu beurteilen. Daraus lassen sich Massnahmen ableiten, welche die individuelle Entwicklung, die Erhaltung der Gesundheit sowie die Optimierung von Trainingsanpassungen oder die Maximierung der Wettkampfleistung beinhalten. Dazu gehören im Leistungssport aus meiner Sicht auch ganz klar gewisse Supplemente, welche eingesetzt werden können. Im Supplementguide der Swiss Sports Nutrition Society haben wir die Supplemente kategorisiert, so dass klar ersichtlich ist, bei welchen Supplementen auch eine hohe wissenschaftliche Evidenz für einen Einsatz besteht. Wir empfehlen in der Regel nur den Einsatz von Supplementen der Kategorie A und allenfalls auch B. Wenn ich dann den Zweck sowie das Supplement und auch das Anwendungsprotokoll definiert habe, so wähle ich ein Produkt, welches die Anforderungen erfüllt. Um das Risiko einer Kontamination zu vermindern, wähle ich ein Produkt, welches durch ein externes Labor (u.a. NSF Sport, Informed Sport, Kölner Liste) getestet wurde. Im letzten Schritt soll das Supplement dann im Training getestet werden, bevor es im Wettkampf zum Einsatz kommt. Damit kann das Risiko von Nebenwirkungen im Wettkampf selbst minimiert werden. 

Dr. sc. nat. Joëlle Flück, Präsidentin und Geschäftsführerin
Nach dem ETH-Studium in Bewegungswissenschaften und Sport mit Schwerpunkt Sportphysiologie schrieb Joëlle Flück ihre Doktorarbeit im Bereich Sporternährung. Dort arbeitet sie weiterhin als Fachexpertin für Sporternährung. In der Vergangenheit hat sie einige Forschungsprojekte im Bereich der Sporternährung sowie Supplementierung begleitet. Aktuell liefert sie wissenschaftlich fundierten Support im Bereich der Sporternährung für diverse Verbände und Athleten. Als aktive Läuferin und ehemalige Leistungssportlerin ist für sie die wissenschaftliche Evidenz einer der wichtigsten Faktoren für die Implementierung ernährungsspezifischer Massnahmen im Training und Wettkampf. 

Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen EHSM

Trainerbildung Schweiz
Hauptstrasse 247
2532 Magglingen