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Teil 3: Sieben Schritte zur erfolgreichen (Selbst-)Reflexion

 

Wie oft kommt es vor, dass du dich auf der Rückfahrt vom Training oder Wettkampf fragst, ob dein Verhalten als Trainerin oder Trainer «richtig» war? Wie häufig hast du eine zündende Idee, bleibst aber aus Gewohnheit bei deinen alten Rezepten? Wie regelmässig zweifelst du, ob du im Umgang mit deinen Athletinnen oder Athleten eine schwierige Situation ansprechen sollst? Jörg Friebe schlägt in seinem Buch «Reflektierbar» sieben Schritte zur erfolgreichen (Selbst-)Reflexion vor.

Typische Situationen, in denen vergeblich um Tiefgang gerungen wird, finden sich im Sportkontext immer wieder. Viele Coaches wünschen sich jedoch, mit Reflexion «in die Tiefe», «zum Kern» oder «zu dem, was sie selbst, Staff und Athleten wirklich bewegt» zu gelangen. Damit das gelingt, sind laut Friebe drei Dinge hilfreich:

  1. Aktivierung: Eine Reflexionsfläche mithilfe von Gegenständen (zum Beispiel Bildkarten) oder Bewegungen (zum Beispiel einer Aufstellung) nutzen. Sowohl der Dialog des Einzelnen mit sich selbst als auch mit anderen beteiligten Personen wird dadurch erleichtert.
  2. Fragen: Um den Fokus auf die zentralen Themen zu richten, ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen (Buchtipp: Fragen können wie Küsse schmecken).
  3. Vertiefung: Das U-Modell (siehe unten) schlägt eine bewährte Struktur vor, um einerseits in die Tiefe zu gehen und andererseits einen guten Abschluss zu finden.

 

Das U-Modell

Das Modell des U-Prozesses (nach Claus Otto Scharmer, Friedmann Schulz von Thun und Robert Dilts) besteht aus vier Ebenen, drei Blickrichtungen und sieben Schritten.

1. Ebene: Handeln (Verhalten)

Um in die Tiefe zu kommen, ist es sinnvoll, alle Beteiligten bei den konkreten Handlungen abzuholen; denn diese sind erstens bewusst, zweitens relativ unverfänglich darzustellen und drittens auf einer Ebene, über die sich Menschen häufiger austauschen. Dazu gehört die Frage, was das Team gemacht, aber auch, was jede einzelne Person ganz konkret beigetragen hat.

2. Ebene: Denken (Fähigkeiten)

Auf der nächst tieferen Ebene wird nach dem Denken gefragt: Welche Annahmen stecken hinter dem Gedachten? Was wird als gegeben angesehen und gar nicht mehr infrage gestellt? Wie sortiere ich als Trainerin/Trainer mein Handeln ein? Wie die Athletinnen und Athleten? Was waren die Motive jedes einzelnen? Ziel ist es, dass alle ihr Handeln verstehen.

3. Ebene: Fühlen (Werte)

Eine weitere Ebene tiefer und für viele Menschen eher ungewohnt ist das bewusste Nachdenken über die eigenen Gefühle. Wie geht es den Trainerinnen/Trainern und Athletinnen/Athleten mit ihren Handlungen und Annahmen? Wovon würden sie sich gerne trennen? Was wird als beflügelnd erlebt?

4. Ebene: Sein (Identität)

Noch tiefer geht die Reflexion des eigenen Seins, der eigenen Identität, des Lebenssinns oder auch der eigenen Spiritualität.

Abb. 1: Jörg Friebe, Theorie U aus «Reflektierbar»
Abb. 1: Jörg Friebe, Theorie U aus «Reflektierbar»

Die 7 Reflexions-Schritte

1. Schritt: Handlungen

Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten beschreiben ihre Handlungen und sehen, was um sie herum geschieht. Dabei sollen die Handlungen möglichst präzise beschrieben werden.

Praxisbeispiel:

Heute nach dem Wettkampf komme ich als Reporter zu dir, um dich zu interviewen (Aktivierung). «Wenn du auf die 120 Minuten Wettkampf zurückblickst, was ist alles gut gelaufen, was würdest du gerne anders machen?» (Frage)
 

2. Schritt: Situation – Hier & Jetzt

Als nächstes überdenken die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten ihre Handlungen und begreifen die Situation. Sie sollen ihre persönlichen Handlungen verstehen und diese einordnen.

Praxisbeispiel:

Im Praxisbeispiel wird als Aktivierung mit einem Seil ein Koordinatensystem gelegt. Dabei steht die x-Achse für alles, was tatsächlich gemacht wurde und die y-Achse symbolisiert den Grad der Zufriedenheit. Mögliche Fragen: «Wie war dein Zufriedenheitslevel zum jeweiligen Zeitpunkt? Was führt bei dir grundsätzlich zu einer besonders hohen Zufriedenheit? Was steht einer hohen Zufriedenheit allgemein eher entgegen?»
 

3. Schritt: Hintergründe – Gefühle

Die Auseinandersetzung geht nun noch weiter in die Tiefe: Wie ist das Gefühl zu einer bestimmten Situation, einem konkreten Verhalten im Wettkampf? Was soll bewahrt werden, was nicht? «Welche Gefühle existieren im Hintergrund? Wie fühlst du dich, wenn du das Ganze hier anschaust?»

Praxisbeispiel:

Als Form der Aktivierung erfolgt nun eine Aufstellung: Nachdem das Koordinatensystem mit etwas Abstand betrachtet wurde, begeben sich die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten an eine konkrete Stelle/Position, um sich intensiv in die dort symbolisierte Situation einzufühlen.

Mögliche Fragen: «Was hat deine Zufriedenheit gefördert? Wer oder was hat die Situation von aussen beeinflusst? Worauf konntest du im Wettkampf selbst Einfluss nehmen? Was hat dich erfolgreich gemacht? Was möchtest du im nächsten Wettkampf anders lösen?»
 

4. Schritt: Haltung - Identität

Hier steht die Beschäftigung mit der eigenen Identität im Vordergrund. Es geht um das elementare Sein des Menschen. Was sind die eigenen Handlungsmuster? Worum geht es im grossen Ganzen, was ist der Sinn? Je nach Person und Gegebenheit kann hier auch eine spirituelle Ebene erreicht werden.

Praxisbeispiel:

Zur Aktivierung werden während mehrere Bildkarten ausgelegt, welche die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten anschliessend betrachten. Die Bildkarten, die sie bei ihrer Auseinandersetzung unterstützen sollen, stellen surreale Situationen dar und stammen aus dem Gesellschaftsspiel «Dixit». Die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten wählen Karten, die sie zu einer Frage ansprechen: «Was glaubst du über dich? Was denkst du über dein Selbstwertgefühl? Was zeichnet dich aus?»
 

5. Schritt: Leitideen – Hoffnungen

Diese Auseinandersetzung führt zu neuen, kreativen Ideen und Absichten, in welche Richtung sich das Trainer- oder Athletenverhalten entwickeln soll. Es ist die Phase für neue Muster. Es geht darum, eine Veränderung herbeizuführen.

Praxisbeispiel:

Die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten wählen nun symbolisch ein Bild mit Zukunftscharakter (Matchplakat, Wettkampf-Flyer usw.). Der Blick wandelt sich von der Vergangenheit über die Ist-Situation hin zur Zukunft. Mögliche Fragen: «Wovon hättest du gerne mehr? Was möchtest du gerne Neues ausprobieren? Wie würde dein idealer Wettkampf aussehen? Wie fühlt es sich an, sich einen solchen Wettkampf vorzustellen?»
 

6. Schritt: Konzeption

Hier werden neue Konzepte und konkret geplante Ziele «ergriffen» und die strategischen Schritte zum Erreichen dieser Ziele erarbeitet.

Praxisbeispiel:

Ausgehend vom Symbolbild werden Strategiekarten platziert (à Aktivierung). Die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten wählen eine zu ihnen passende Karte aus, die sie weiter durchdenken und umsetzen wollen. Strategiekarten können nach der Struktur «KTMU» (Körper, Technik/Taktik, Mentales, Umfeld) geordnet werden und z.B. Aussagen wie «mache dir einen mentalen Gameplan», «achte auf deine Körpersprache», «beziehe dein Umfeld in die Wettkampfsituation mit ein» enthalten. In diesem Schritt sind alle Fragen sinnvoll, bei denen sich die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten mit der gewählten Strategie auseinandersetzen und über mögliche Umsetzungen fantasieren. «Wie sieht ein konkretes Pilotprojekt aus? Was muss Schritt für Schritt erfolgen?»
 

7. Schritt: Handlungsplan

Abschliessend wird fixiert, wie genau die konkrete Umsetzung aussehen wird. Es wird also ein konkreter Handlungsplan erstellt.

Praxisbeispiel:

Der Prozess der Reflexion endet mit dem Aufschreiben der konkreten nächsten Schritte auf Moderationskarten und einer bildlichen Darstellung auf einer Timeline.

 

Fazit

Man kann das U-Modell dem aktuellen Bedarf entsprechend frei zusammenstellen und die Tiefe selber wählen. Auch fünf oder nur drei Schritte sind sehr hilfreich. Zu Beginn genügt es vielleicht, Handlungen klar zu beschreiben (Schritt 1) und dann Ideen äussern zu lassen (Schritte 6/7), wie es besser klappen könnte – wohl wissend, dass dies noch nicht sehr tiefgreifend ist.

Nach weiteren Übungen sind die Trainerinnen/Trainer und/oder Athletinnen/Athleten dann vielleicht in der Lage, die Hintergründe, Gefühle, Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen.

Die aktive Reflexion im U-Prozess ermöglicht es auch «kopflastigen» Trainerinnen/Trainern und/oder Athletinnen/Athleten zum Wesentlichen zu kommen. Eine bewusste Planung der Reflexionsschritte mit ihren jeweiligen Fragen und Aktivierungen gibt dabei mehr Sicherheit.

Tiefgang, Ernsthaftigkeit und Spass sowie konkrete Umsetzungsschritte sind Vorteil und Nutzen der bewussten aktiven (Selbst-)Reflexion.

Im Buch von Jörg Friebe findest du über 100 praktische Reflexionsmethoden (Praxisübungen).

Literatur und Quellenangabe: 

  • Friebe, Jörg:  Reflektierbar, Bonn, managerSeminare Verlags GmbH, 2016
  • Kindl-Beilfuss, Carmen: Fragen können wie Küsse schmecken, Carl Auer Verlang, 2019