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Teil 2: Selbstregulation

 

Nicht nur Mallett und Lara-Bercial (2016) sehen in der Selbstreflexion den Schlüssel zu den «Serial Winning Coaches» (siehe Teil 1: Serial Winning Coaches). Auch Trudel, Gilbert und Rodrigue (2016) erkennen in der bewussten Reflexion den Hauptfaktor in der Entwicklung von einem kompetenten Trainer zu einem innovativen Trainer auf höchster Stufe. Heutzutage erachten die meisten Trainer und Trainerinnen die Selbstreflexion als wichtig und bestätigen auch, diese anzuwenden. Bei genauerem Nachfragen kann allerdings kaum jemand beschreiben, wie genau reflektiert wird. Klar denkt jeder ab und zu über sich nach, wahrscheinlich auch gerade dann, wenn es irgendwo im Trainingsbetrieb nicht so rund läuft. Ab und zu mal nachzudenken reicht allerdings nicht aus, um die Selbstreflexion als wirkungsvolles und nachhaltiges Werkzeug einzusetzen.

Was braucht es also?

Stein und Grant (2014) verstehen unter Selbstreflexion das Untersuchen von Gedanken, Gefühlen und Verhalten. Damit aber die Gedanken, Gefühle und das Verhalten überhaupt verstanden werden können, müssen sie zuerst einmal wahrgenommen werden. Dieser Prozess der Wahrnehmung ist auch bekannt als Achtsamkeit und ist der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstreflexion (Mallett und Lara-Berical, 2016). Die Achtsamkeit entspricht der Handlung, bei welcher die volle Aufmerksamkeit auf die jeweilige Wahrnehmung, die jeweils aufsteigenden Gedanken und den Augenblick gelenkt wird. Dies entspricht der bewussten Wahrnehmung beispielsweise von ganz alltäglichen Dingen und Handlungen und somit der Selbstbeobachtung (Kabat-Zinn, 2003). Die Achtsamkeit kann auch dazu führen, dass Entscheidungen und Urteile nicht gewohnheitsgemäss und vorschnell gefällt werden. Lützenkirch (2004) beschreibt die Achtsamkeit gar als ein Zustand, in welchem man offen ist für neue Perspektiven, indem man aufgeschlossen ist für neue Informationen und Möglichkeiten. Entscheidend bei der Achtsamkeit ist die urteilsfreie Wahrnehmung. Kabat-Zinn (2003) beschreibt dies wie folgt: bewusst, im gegenwärtigen Augenblick sein ohne zu urteilen. Dies fördert die Klarheit und Fähigkeit, die Realität des gegenwärtigen Augenblicks zu akzeptieren.

Übungsidee 1

Täglich 5 Minuten die ganze Aufmerksamkeit auf eine alltägliche Tätigkeit richten (Geschirrspülen, Rasenmähen, Singen, Gehen…). Die dabei auftauchenden Gedanken wahrnehmen, sie urteilsfrei akzeptieren und weiterziehen lassen. Ist deine Aufmerksamkeit nicht mehr bei deiner Tätigkeit ist dies kein Problem. Auch in diesem Fall: Nimm dein Abschweifen und deine Gedanken urteilsfrei wahr und an, akzeptiere sie und bringe die Aufmerksamkeit wieder zurück zu deiner Tätigkeit.

Die Achtsamkeit bildet das Fundament für die Selbstreflexion. In einem grösseren Kontext gehören Achtsamkeit und Selbstreflexion zum Prozess der Selbstregulierung (Grant, Franklin und Langford, 2002). Ziel dieses Prozesses ist das Management der eigenen Veränderung. In der folgenden Abbildung ist der Zusammenhang von Selbstregulierung und Selbstreflexion modellhaft dargestellt.

Selfregulation
Quelle : https://bit.ly/2YKq5sB (Seite 9)

Um unser Verhalten verändern zu können, braucht es ein Ziel, welches die gewünschte Veränderung definiert. Darauf folgt die Entwicklung eines Handlungsplans, der die Massnahmen für die Zielerreichung beschreibt. Im nächsten Schritt wird die Handlung ausgeführt und mittels Selbstreflexion unter Berücksichtigung des Kontexts und in Bezug auf das Ziel wahrgenommen. Die Gedanken, Gefühle und das tatsächliche Verhalten werden dabei urteilsfrei wahrgenommen. Danach werden die Gedanken, Gefühle und das Verhalten bewertet, um diese Bewertung als Feedback für die Verbesserung der eigenen Leistung zu nutzen. Wichtig bei der Evaluation ist der lösungsorientierte Fokus, damit die Entwicklung und somit Veränderung voranschreiten kann.  

Übungsidee 2

Ziel setzen, Handlungsplan entwickeln, Handlung ausführen, Gedanken/Gefühle/Verhalten während der Handlung urteilsfrei beobachten (und allenfalls dokumentieren), lösungsorientierte Einschätzung der Gedanken/Gefühle/Verhalten. Entspricht die Einschätzung noch nicht der Zielerreichung, besteht die Möglichkeit, die Handlung zu wiederholen, einen neuen Handlungsplan zu entwickeln oder gar das Ziel anzupassen. Wichtig ist auch hier, diese Übung regelmässig und gezielt anzuwenden.

Damit die Selbstreflexion gezielt eingesetzt werden kann, sollte folglich als erstes definiert werden, auf welchen Bereich und auf welches Ziel die Selbstreflexion angewendet werden soll. Entsprechend können auch bereits Fragen definiert werden, welche den Prozess der Beobachtung und Evaluation leiten können. Diese Fragen können sehr spezifisch sein: «Habe ich meinem Athleten zugehört und ihm die Chance gegeben, sich zu erklären?» «Was hat zu meinem Verhalten geführt?» «Wie werde ich mich das nächste Mal verhalten und auf welche Ressourcen werde ich hierfür zurückgreifen?» Entscheidend bleibt nach wie vor die urteilsfreie Wahrnehmung in der Beobachtung und der lösungsorientierte Fokus in der Evaluation. Auf dieser Basis kann die Selbstreflexion zu einem wertvollen Werkzeug für die Entwicklung der eigenen Trainerpersönlichkeit werden. Mit einem etwas breiteren Fokus dient sie auch der Entwicklung der Trainingspraxis selbst und bietet somit die Chance, den Schlüsselfaktor auf dem Weg zum Serial Winning Coach und Innovator zu entwickeln.

Abschliessend bringt es die Aussage von Trudel et al. (2016) auf den Punkt: «Wir argumentieren, dass der Hauptfaktor, der die Entwicklung von Coaches auf dem Kontinuum vom Newcomer zum Innovator beeinflusst, die Fähigkeit zur "bewussten Reflexion" ist. Dies bedeutet, dass die Coaches im Zuge der Entwicklung ihrer Identität immer mehr Zeit dafür reservieren werden, über ihre Praxis zu reflektieren und die Lernmöglichkeiten zu maximieren. Obwohl die bewusste Reflexion ein individueller Akt ist, wird sie oft durch die Diskussion mit anderen durchgeführt/stimuliert.» (Trudel et. Al, 2016, S. 43).

Literatur und Quellenangabe: 

  • Grant, A., Franklin, J., & Langford, P. (2002). The self-reflection and insight scale: A new measure of private self-consciousness. Social Behavior and Personality, 30(8), 821-836.
  • Kabat-Zinn (2003). Mindfulness-Based Interventions in Context: Past, Present and Future. Clinical Psychology, 10(2), 144-156. DOI: 10.1093/clipsy/bpg016
  • Lützenkirchen, A. (2004). Bedeutung und Nutzen von Achtsamkeit in der Sozialen Arbeit. Gruppendynamik, 35, 27-36. DOI: 10.1007/s11612-004-0003-z
  • Mallett, C., & Lara-Bercial, S. (2016). Serial winning coaches: people, vision, and environment. Verfügbar unter https://www.researchgate.net. DOI: 10.1016/B978-0-12-803634-1.00014-5
  • Stein und Grant (2014). Disentagling the relationship among self-reflection, insight, and subjective well-being: The role of dysfunctional attitudes and core self-evluations. The Journal of Psychology, 148(5), 505-522.
  • Trudel, P., Gilbert, W., & Rodrigue, F. (2016). The Journey from Competent to Innovator: Using Appreciative Inquiry to Enhance High Performance Coaching. AI Practitioner, 18(2), 40-46.