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Teil 4: Interview mit Gerardo Seoane, Trainer BSC Young Boys

Gerardo Seoane

Gerardo Seoane: «Der Entwicklermodus macht mir am meisten Spass»

Du bist für uns ein eindrückliches Beispiel für einen Trainer, der weiterdenkt als zum nächsten Spiel und zum nächsten Resultat. Was braucht man dafür?

Früher habe ich mir manchmal Ziele gesetzt, die in Zusammenhang mit meiner Karriere, meinem Job standen. Heute leitet mich meine persönliche Vision. Was sollen Verein, Spieler und Staffmitglieder von mir in Erinnerung behalten? Welche Spuren will ich hinterlassen? Wie soll mein Erbe aussehen? Diese Vision ist meine Quelle der Kraft, um tagtäglich immer wieder die Balance zu finden und auf das Wesentliche zu fokussieren.

Du sprichst dabei vom «Entwicklermodus». Was verstehst du darunter?

Der «Entwicklermodus» ist das Gegenteil vom «Überlebensmodus». Im «Überlebensmodus» bist du vorsichtig, entscheidest zurückhaltend oder hast Angst vor Fehlern – weil du im Hinterkopf an deinen Job oder die Konsequenzen denkst. Im «Entwicklermodus» hingegen fällst du mutige Entscheide, suchst kreative Lösungen und bist offen für Neues. Dabei stehen nicht Siege oder Resultate an erster Stelle, sondern Werte, Haltungen und Verhalten.

Wie schaffst du es, immer wieder in deinen «Entwicklermodus» zu gelangen?

Das schaffe ich nur, wenn ich mir immer wieder herausfordernde Fragen stelle: Wie will ich heute auftreten? Was will ich mit dieser oder jener Intervention bewirken? Was will ich verändern? Warum hat etwas geklappt? Habe ich mir genügend andere Meinungen angehört?
Voraussetzung für Selbstreflexion ist Offenheit. Und ein gutes Energiemanagement. Nur wenn ich mich mental und körperlich fit fühle, kann ich mich diesem Prozess stellen. 

Während eines Spiels oder einer intensiven Trainingsphase schaust du in den Spiegel und fragst dich, was gerade abläuft?

Genau. Ich weiss beispielsweise, dass ich manchmal stärker auf meinen Kopf als auf meinen Bauch höre. Damit ich aber meiner Intuition genügend Raum lasse, muss ich sehr klar wahrnehmen, was im Jetzt abgeht. Manchmal reicht es, einmal tief ein- und auszuatmen, um die Balance wiederzufinden. Dann kann ich meinen Kopf kurz abschalten und auf die Signale meines Bauchs hören. Vielleicht entsteht so eine Lösung, die mein Kopf nicht erkannt hätte.

Eigenwahrnehmung ist ein Teil, Fremdwahrnehmung ein anderer. Wer unterstützt dich dabei?

Das können Rückmeldungen von Spielern, von Staffmitgliedern oder auch von Personen aus meinem privaten Umfeld sein. Mir ist es wichtig, von starken «Persönlichkeiten» umgeben zu sein. Sie sollen sich getrauen, mir ihre Wahrnehmung und Meinung unverblümt weiterzugeben. Seit einigen Jahren begleitet mich zudem ein Mentor. Wir tauschen uns wöchentlich aus und arbeiten an Themen, in denen wir Entwicklungspotential sehen.

Verrätst du uns einige Beispiele, wie die Zusammenarbeit mit deinem Mentor aussieht?

Dazu gehören ganz konkrete Aufgaben meines Trainerjobs, beispielsweise die Planung des Saison-Kickoffs. Wir überlegen uns gemeinsam, mit welcher Vision und welchen Werten wir in eine neue Spielzeit starten, wie wir unsere Grundsätze vermitteln und wie wir die Spieler in diesen Prozess miteinbeziehen wollen. Mein Mentor ist aber auch Beobachter und Wahrnehmer. Er schaut mir beim Coaching zu und schildert mir seine Eindrücke. Daraus entstehen wieder neue Themenfelder, die wir miteinander in Angriff nehmen. Und dann ist mein Mentor auch eine Vertrauensperson, der in erfolgreichen, aber auch in schwierigen Zeiten an meiner Seite steht und mich bedingungslos unterstützt.

Zum Schluss: Wenn du einer jungen Trainerin oder einem jungen Trainer einen Tipp mit auf den Weg geben könntest, was würdest du ihr/ihm sagen?

Ich wünsche jungen Trainerinnen und Trainern, dass sie mutig sind, Dinge ausprobieren, Sachen ansprechen. Und dass sie bei ihren Engagements stets überprüfen, ob ihre Werte und Visionen mit denjenigen ihrer Auftraggeber übereinstimmen. Ausserdem sollte man als Trainerin oder Trainer ziemlich schnell erkennen, dass die Anforderungen an unsere Aufgabe riesig sind. Wir bewegen uns in unendlich vielen Feldern, in denen wir unsere Kompetenzen fortwährend weiterentwickeln dürfen. Wenn wir unser Mindset dauerhaft in den «Entwicklermodus» schalten, dann passiert laufend etwas mit uns. Und es macht erst noch riesig Spass!


Gerardo Seoane (42) ist ehemaliger Schweizer Fussballspieler und heutiger Trainer des BSC Young Boys. Nach Ende seiner Laufbahn als Fussballprofi arbeitete Seoane im Nachwuchsbereich des FC Luzern. Im Januar 2018 übernahm Seoane die erste Mannschaft des FC Luzern als Cheftrainer. Sechs Monate später wurde Gerardo Seoane Trainer des Schweizer Meisters BSC Young Boys, mit dem er in seiner ersten Saison den Titel verteidigte und im Jahr darauf das Double holte.