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Trainerurteil

Das «Trainerauge» als Beurteilungsinstrument

Das Trainerurteil spielt in der Talentwentwicklung und beim Selektionsentscheid eine wichtige Rolle. Alle Trainerinnen und Trainer sind sich einig, dass das «Trainerauge» ein sehr valides Instrument in der Beurteilung eine Talentes ist. Doch bis heute wird dieses Instrument sehr unterschiedlich angewendet und umgesetzt. Die folgenden Inhalte sollen einen Beitrag leisten das Trainerurteil genauer zu betrachten und Hilfe leisten in deren Anwendung in der Praxis.

Trainerinnen und Trainer müssen in der Talententwicklung (FTEM) immer wieder Selektionsentscheide treffen. Im Selektionsintrument prognostische systematische Trainereinschätzung (PISTE) ist die Trainereinschätzung bzw. das «Trainerauge» integriert. Gut ausgebildete und erfahrene Trainer haben die Fähigkeit zu einer validen spezifischen und umfassenden Einschätzung einer Athletin oder eines Athleten zu kommen (siehe Quellen 4-6). Trotzdem wird von der Sportwissenschaft zunehmend gefordert, diese Black Box der Trainereinschätzung aufzuklären und dem Selektionsprozess zu noch mehr Objektivität zu verhelfen.

Eine Umsetzungsmöglichkeit besteht in der Ergänzung der subjektiven Entscheidung mit objektiven Daten und einzelnen Beurteilungskriterien. Dieses Vorgehen wird objektivierte Trainereinschätzung genannt. Die Objektivität ist ein wichtiges Gütekriterium bei der Talentselektion. Sie kann durch standardisierte sportartspezifische Bewertungskriterien, klare Definitionen der einzelnen Merkmale und eine standardisierte Ratingskala erreicht werden. Ob der Standardisierungsgrad und die Definitionen klar genug beschrieben sind, kann anhand eines Vergleichs der Einschätzung einer Athletinnenleistung durch mehrere Trainer überprüft werden. Liegen Einschätzungen der Trainer mehrfach sehr nahe beieinander, liegt eine hohe Übereinstimmung der Trainer (Reliabilität) vor.

Beim Bewerten mit den einzelnen Beurteilungskriterien ist zu beachten, dass komplexe Kriterien mit Hilfe des «Trainerauges» eingeschätzt oder in einer Kombination von Trainerauge und objektiver Einschätzung beurteilt werden können und sollten. Einschätzungen von erfahrenen Trainern haben den Vorteil, dass sie intuitiv einen ganzheitlichen Charakter haben und daher der Wahrheit meist sehr nahekommen (2). Sie basieren auf multifaktoriellem intuitivem Wissen, das konstruierte Bilder der perfekten Athletin und des perfekten Athleten einbezieht. Das Trainerauge ist einerseits analytisch und rational und andererseits assoziativ und unbewusst (5).

Die Genauigkeit sowohl bewusster als auch intuitiver Urteile hängt von den angewandten Regeln ab. Dementsprechend sind komplexere Regeln nicht unbedingt genauer als einfachere Regeln, und statistische Regeln sind nicht notwendigerweise genauer als Regeln, die auf Erfahrungen beruhen. Es hat sich herausgestellt, dass Urteile, die intuitiv und einfach sind, oft genauer sind als komplexe Strategien, die versuchen alle Informationen einzubeziehen (3, 5).

Bei allen positiven Aspekten der Trainereinschätzungen muss beachtet werden, dass es bei der Einschätzung von Athletinnen und Athleten zu kognitiven Verzerrungen (Biases) kommen kann. Wichtige Biases bei Experteneinschätzungen sind z.B. (1):

  • der Halo-Effekt: klar erkennbare positive Eigenschaft bei einer Person verleitet zur Schlussfolgerung, dass andere Eigenschaften der Person auch positiv sind.
  • Anchoring: Die erste Information, die aufgenommen wird, wird überbewertet.
  • Confirmation Bias: Tendenz, Dinge die bereits geglaubt werden, auch weiterhin glauben zu wollen.

Die Einschätzungen der Trainer basieren zudem auf einem persönlichen Referenzbild, das sich durch Erfahrungen ständig verändert und auch von Problematik der sozialen Erwünschtheit beeinflusst sind. Diese Probleme lassen sich grösstenteils lösen, wenn einheitliche Beurteilungsraster verwendet werden und mehrere Trainer die Athleten einschätzen (objektivierte Trainereinschätzung) (2).

Um Datenkonsistenz zu erhalten, sollten jeweils möglichst die gleichen Expertenteams eingesetzt werden. Dies gilt insbesondere für dezentral durchgeführte Selektionen oder wenn mit den Daten ein Längsverlauf dargestellt werden soll. Für eine objektive Beurteilung sollten daher jeweils mindestens drei Trainer unabhängig voneinander gleichzeitig die gleichen Faktoren beurteilen. Für die Endbeurteilung werden die Daten gemittelt. Die Experten müssen vorgängig für die Beurteilung geschult werden und über hohe Fachkompetenz in der Sportart verfügen. Es ist darauf zu achten, dass keine Interessenskonflikte entstehen (eigener Athlet, finanzielle Lage des eigenen Stützpunkts etc.).

Ein Good-Practice-Beispiel zu einer objektivierten Trainereinschätzung (TTPP) wird von Swiss Unihockey umgesetzt. Hier existiert ein Bewertungsraster mit den wichtigsten Komponenten (key performance indicators) der Sportart. Diese sind ausführlich beschrieben und werden z.B. in der U-17-Selektion mit einer standardisierten Skala von 4 erfahrenen Trainern bewertet. Wenn keine statistisch relevante Abweichung zwischen den einzelnen Trainern besteht, wird der Mittelwert aus allen Trainereinschätzungen gebildet und in die Talentselektion einbezogen.

Bewertungsraster_d
Abbildung 1: Bewertungsraster für Spieler von swiss unihockey

Checkliste

Als weiteres Hilfsmittel für die Anwendung des Trainerurteils dient die Checkliste Trainerurteil, die von der Trainerbildung in Zusammenarbeit mit Frau Dr. A. Heinrich, M.A., Wiss. Mitarbeiterin IAT Leipzig, erarbeitet wurde. Sie ist einfach und praktisch anwendbar und kann von jedem Trainer und jeder Trainerin als Leitidee verwendet werden.

Abbildung 2: Checkliste von Dr. A. Heinrich, IAT Leipzig

Im Webinar der Trainerbildung Schweiz vom 5. Mai 2020 wurde das Thema «Trainerurteil» ebenfalls vertieft diskutiert:

Webinar-Aufzeichnung

Quellen und weiterführende Literatur

 
  1. Adler RS. Flawed Thinking: Addressing Decision Biases in Negotiation. Ohio St. J. on Disp. Resol. 2005;20:683.
  2. Buekers M, Borry P, Rowe P. Talent in sports. Some reflections about the search for future champions. Movement & Sport Sciences. 2015;(2):3-12.
  3. Evans JSB. Dual-processing accounts of reasoning, judgment, and social cognition. Annu. Rev. Psychol. 2008;59:255-78.
  4. Gigerenzer G, Brighton H. Homo heuristicus: Why biased minds make better inferences. Topics in Cognitive Science. 2009;1(1):107-43.
  5. Kruglanski AW, Gigerenzer G. Intuitive and deliberate judgments are based on common principles. Psychol. Rev. 2011;118(1):97.
  6. Romann M, Javet M, Fuchslocher J. Coaches’ eye as a valid method to assess biological maturation in youth elite soccer. Talent Dev Excell. 2017;9:3-13.