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Transfer: Wenn Nuancen entscheidend sind!


Von Adrian Rothenbüher, Verantwortlicher Fachbereich Trainingslehre / Kondition

In vielen Sportarten nimmt die Ausbildung der athletischen Fähigkeiten der Athletinnen und Athleten immer eine grössere Bedeutung ein. Gerade in der Vorbereitungsphase steht oft zum Beispiel die Entwicklung der Maximalkraft im Zentrum. Immer häufiger wird das Training zur Erhöhung des athletischen Potentials auch «ausgelagert» und so vom sportartspezifischen Training abgekoppelt. Am Ende entscheidet aber die Entwicklung der sportartspezifischen Leistung über Qualifikationen und Medaillen. Aus diesem Grund kommt dem Transfer des erarbeiteten athletischen Potentials in die Sportart eine wichtige Bedeutung zu – und hier sind kleine Nuancen entscheidend.

Mit oder ohne Schwung

In der Kraftleistungsdiagnostik wird häufig mit zwei verschiedenen Sprungformen gearbeitet. Einerseits wendet man elastodynamische (Countermovement Jump) und anderseits statodynamische (Squat Jump) Sprünge an. Bei beiden Sprungformen wird auf der Kraftmessplatte die Leistung (in Watt) gemessen. Interessant für eine Trainingsempfehlung sind aber nicht nur die gemessenen Werte, sondern insbesondere auch der Vergleich zwischen diesen zwei Ausführungsarten.

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Ein elastodynamischer Sprung ist somit dominant «neurogen», d.h. von der Leistung des Nervensystems abhängig. Ein statodynamischer Sprung hingegen ist dominant «myogen», somit stark von der Leistung des Muskelsystems beeinflusst. Gerade diese zwei unterschiedlichen Einflussfaktoren können wir uns in der Gestaltung des Transfers zu Nutze machen. Auf der Suche nach den Nuancen kommt dem Vergleich der Leistung oder Sprunghöhe dieser zwei Sprungformen eine zentrale Bedeutung zu.

In der Trainingspraxis kann aber nicht immer auf die Kraftleistungsdiagnostik im Labor zurückgegriffen werden. Um uns an den Vergleich zwischen einem elasto- und statodynamischen Sprung anzunähern, können wir aber auch Testformen im Feld verwenden.

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Bei solchen Feldtestformen ist zu beachten, dass die technische Komponente der Ausführung einen grösseren Einfluss hat als beim CMJ und dem SJ. Zudem eignen sich die Resultate vor allem für einen individuellen Längsvergleich und nicht für einen Vergleich innerhalb einer Athletengruppe.

Drei unterschiedliche Ausgangslagen

Bei der Planung des Transfers in sportartspezifische Leistungen sollten sich die Trainerinnen und Trainer den Vergleich zwischen elasto- und statodynamischen Bewegungen zu Nutze machen. Dabei ist es sinnvoll unterschiedliche Situationen zu unterscheiden.

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Eine ungünstige Entwicklung von elastodynamischen Sprüngen kann, neben einer suboptimalen neurogenen Ansteuerung, noch auf zwei weitere Gründe zurückgeführt werden.

1. Rumpfstabilität:

Aufgrund einer schlecht ausgebildeten Rumpfstabilität findet keine optimale Kraftübertragung im Umkehrpunkt der elastodynamischen Sprünge statt. Der Umkehrpunkt wird «weich» und «lang», respektive die exzentrische Bewegung kann zu wenig direkt abgebremst werden.

2. Exzentrische Fähigkeiten:

Ein elastodynamischer Sprung hat eine exzentrische und eine konzentrische Phase. Das Ziel muss es sein die Ausholbewegung möglichst optimal abbremsen zu können, um so einen kurzen Umkehrpunkt zu erhalten. Der Wechsel der Bewegungsrichtung sollte sehr direkt erfolgen und keine lange Amortisationsphase haben (ausser die sportartspezifische Bewegung lässt dies zu).

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Für die unteren Extremitäten können folgende Übungen für eine Optimierung des «time to peak» verwendet werden.

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Gut vorbereitet

Der Transfer von erarbeiteten athletischen Fähigkeiten in sportartspezifische Bewegungen beschränkt sich nicht nur auf die Vorwettkampf- und Wettkampfphase. Die Übungen, die für den Transfer geplant sind, müssen in der Vorbereitungsphase sorgfältig aufgebaut werden.

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Hand in Hand

Der Transfer des athletischen Potentials einer Athletin, eines Athleten in die sportartspezifische Leistung muss langfristig geplant werden. Dabei muss einerseits für die gewünschten Transferübungen die Belastungsverträglichkeit entwickelt werden und anderseits gilt es sportartspezifische Bewegungen zu berücksichtigen.

Eine komplette Auslagerung und Abkopplung des athletischen vom sportartspezifischen Training verhindert, allenfalls gerade in der Phase des Transfers, die entscheidende Ausnutzung der Nuancen im Leistungs- und Spitzensport.


Quellen & weiterführende Literatur

  • Bundesamt für Sport BASPO, Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen, EHSM Ressort Leistungssport, Manual Leistungsdiagnostik, Swiss Olympic 2015
  • Countermovement Jump Height: Gender and Sport-Specific Differences in the Force-Time Variables, G.Laffaye, P.Wagner. Published 2014: https://www.semanticscholar.org/author/Tom-Tombleson/4362419