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WM-Serie, Teil 2: Stephan Meyer, Physiotherapeut der Nati

Stephan Meyer ist in Russland zum siebten Mal mit der Schweizer Nationalmannschaft unterwegs. Der Physiotherapeut der EHSM erzählt über seine Arbeit an der WM.

14.06.2018 | Kommunikation BASPO, Tobias Fankhauser

Meyer kümmert sich um Haris Seferovic.

Meyer bei seiner Arbeit. Foto: Toto Marti

 

Stephan Meyer, in wenigen Tagen steht in Russland das erste WM-Gruppenspiel gegen Brasilien an. Kribbelts schon?
Sehr stark, ja. Nicht nur, weil am 17. Juni unser erstes Spiel ansteht, sondern, weil wir bereits seit Monaten am Planen sind. Jetzt sind wir in der heissen Phase.

Du wirst die Nationalmannschaft auf Schritt und Tritt verfolgen, bist mindestens fünf Wochen permanent um die Spieler von Wladimir Petkovic. Angst vor Lagerkoller?
Nein, das wird mein siebtes Turnier sein. Gemeinsam mit dem Fussballverband ist da viel Erfahrung vorhanden, was es braucht: eine gute Unterkunft, gute Trainingsbedingungen, eine gut funktionierende Mannschaft. Da gibt es in der Regel keine Probleme. Ich habe keine Bedenken, dass das während diesen mindestens fünf Wochen nicht auch im WM-Camp funktionieren wird.

Was ist deine Aufgabe im Kreise der Nati? Was wird von dir erwartet?
Wir sind ein grosses Team mit vier Physiotherapeuten, zwei Medizinern und einem Masseur, das hauptsächlich für die Gesundheit der Spieler und des Staffs verantwortlich ist. In Zusammenarbeit mit dem Fitnesscoach, mit den Trainern und mit dem Leistungsphysiologen versuchen wir, dass die Spieler fit und kompetitiv ins erste WM-Spiel gehen können.

Wie sorgst du mit deinem Team für die optimale Erholung der Spieler zwischen den Spielen?
Grundsätzlich haben der Fitnesscoach und der Leistungsphysiologe durch die gemeinsamen Turniere viel Erfahrung und eine Planung, wie sie die Spieler belasten. Die Regeneration machen wir zusammen mit ihnen. Dazu gibt es ein Regenerationskonzept, das sowohl passive als auch aktive Massnahmen umfasst. Wir sprechen da von der Kontrolle von vielen Komponenten, die wichtig sind für die Regeneration: Schlaf, Belastung, Erholung, Ernährung, Psychologie und so weiter. Über Jahre haben wir ein Konzept erarbeitet, das regelt, was wir am Tag nach einem Spiel machen. Es gibt einen klaren Ablauf, den die Spieler kennen. Das ist sehr wichtig. Diese Basis-Regeneration absolvieren alle, die über 45 Minuten gespielt haben. Daneben hat es noch Platz für individuelle Bedürfnisse.

Wie viele Behandlungen stehen bei euch an einem WM-Tag an?
Das ist sehr unterschiedlich und abhängig davon, ob Matchday, der Tag vor oder der Tag nach dem Spiel ist. Bei einem Trainingstag mit zwei Einheiten bereiten wir die Spieler ab 45 Minuten vor dem Training vor, machen Tapes und pflegen Blasen. Während dem Training sind wir bereit, falls es einen Notfall gibt, machen aber auch Behandlungen in Sachen Prävention und Aufbau mit einzelnen Spielern. Nach dem Mittagessen können die Spieler wiederum zu uns kommen und das Prozedere fürs zweite Training beginnt analog zum Morgen. Nach dem Abendessen geht’s dann weiter mit den Behandlungen. In der Regel wird das Mitternacht, ehe wir Feierabend haben. Am wenigsten Behandlungen haben wir am Matchtag, am meisten zu tun gibt es für uns am Tag nach dem Spiel, wenn die Regeneration ansteht.

Klingt nach ziemlich viel Arbeit. Da bleibt wohl nicht mehr allzu viel Energie am Ende eines Turniers?
Das ist in der Tat eine sehr intensive Zeit. Nach dem Turnier bist du ausgelaugt, insbesondere wegen den enormen Emotionen. Wer schon mal an einem WM-Spiel war, weiss, dass das eine hoch-emotionale Angelegenheit ist: die Stimmung, die Wichtigkeit, die Verantwortung für die Gesundheit der Spieler, die Freude, die Enttäuschung. Nach einem Turnier brauche ich jeweils vier bis fünf Tage zum Abschalten.

Was sind denn typische Verletzungen bei Nati-Spielern?
Das sind die altbekannten, für den Fussball typischen Verletzungen. Wir haben am meisten mit Muskelverletzungen zu tun. Dann folgen die Verletzungen an den Sprunggelenken, die Knieverletzungen und die Leistenverletzungen.

Musst du im Falle einer Verletzung mit dem Klub des Spielers bezüglich Massnahmen-Planung Kontakt aufnehmen oder kannst du ihn in der Nati so behandeln, wie du es für richtig hältst?
Grundsätzlich sind wir in der Nationalmannschaft autonom. Das heisst, wenn der Spieler bei uns ist, ist er auch in unserer Verantwortung. Wir könnten also machen, was wir wollen. Unsere Mediziner sind jedoch genauso in stetem Kontakt mit den Medizinern der Klubs, wie wir Physiotherapeuten mit denjenigen auf Klubebene. Verletzt sich ein Spieler an einem Turnier, ist vor allem die Schwere der Verletzung entscheidend. Ist der Spieler schwer verletzt, ist das Turnier für ihn leider beendet, da keine Zeit für Rehabilitation bleibt. Da machen wir dann jeweils eine Art Übergabe, bei der wir den entsprechenden Klubverantwortlichen die Verletzung, MRI-Bilder, vorgenommene Behandlungen und so weiter erklären. Die Kommunikation zwischen uns und den Klubs hat enorm zugenommen. Zu Recht: unter dem Strich sind die Fitness und die Gesundheit die Basis für die Leistungsfähigkeit.

Behandelt jeder Physiotherapeut immer in etwa die gleichen Spieler oder gibt es da keine Präferenzen seitens der Spieler?
Solche Präferenzen gibt es auf jeden Fall. Wie hier in Magglingen, weiss man auch in der Nati, welche Athleten zu welchem Physiotherapeuten passen. Manchen Spielern ist es egal, manchen ist es sehr wichtig, wer sie betreut und wiederum andere sind indifferent und suchen sich den Spezialisten je nach Art ihres Anliegens aus. Da haben die Spieler einen gewissen Freiheitsspielraum. Wir schauen jeweils, dass jeder unserer Physiotherapeuten genug zu tun hat – was eigentlich nie ein Problem ist.

Brauchen die Spieler heute im Vergleich zu früher eher mehr oder eher weniger Behandlung oder bleibt das immer etwa im gleichen Rahmen?
Der Fussball hat sich verändert, ist schneller, athletischer geworden und verlangt eine hohe Intensität über 90 Minuten. Dementsprechend hat sich auch die Professionalität der Spieler massiv verändert. Sie wissen, dass das Weglassen der Regeneration dazu führt, dass sie nicht auf höchstem kompetitivem Niveau spielen können. Das führt dazu, dass sie ihren Körper pflegen, ihre Defizite kennen und wissen, was sie präventiv machen müssen, um besser zu werden. Ihr Fokus ist stark auf die Regeneration ausgelegt. Das widerspiegelt sich beispielsweise deutlich beim Essen; die Spieler sind Spezialisten, die genau wissen, was für sie gut ist und was nicht.

Wieviel Material nehmt ihr nach Russland mit?
Wir nehmen alles mit und stellen sowohl im Trainingscamp in Lugano wie auch danach in Russland eine eigene Physiotherapie für fünf Personen auf. Die Spieler brauchen die gleichen Tools, die sie auch zuhause oder bei den Klubs haben. Das ergibt mehrere Tonnen Material alleine nur für unseren Bereich.

Inwiefern ist das Turnier in Russland aus deiner Sicht speziell?
Es ist sicher normaler als auch schon, weil die klimatischen Bedingungen ähnlich sind, wie diejenigen in der Schweiz. Das wird deshalb viel weniger speziell als die WM in Brasilien. Wir erwarten da keine Schwierigkeiten. Auch in Sachen Sicherheit nicht. Einzig der Transport ist etwas weiter als derjenige bei der EM in Frankreich. Aber die Spieler sind sich die Reiserei gewohnt, für sie ist das nichts Aussergewöhnliches. Nur der Rahmen ist eben nochmal um einiges grösser. Da ist eine WM dann schon noch einmal eine andere Schuhgrösse als eine EM.

Was war dein absolutes Lieblingsspiel mit der Nati?
Es hat mehrere fantastische Erlebnisse im Kreis der Nati gegeben. So zum Beispiel das Spanien-Spiel 2010 in Südafrika, als wir den späteren Weltmeister geschlagen haben. Oder das so intensive Argentinien-Spiel in Brasilien 2014, als wir so nahe an einer Riesen-Überraschung waren. Aber mein unbestrittenes Highlight war die WM-Partie 2006 zwischen der Schweiz und Togo im Westfalenstadion zu Dortmund mit 40'000 Schweizer Fans. Da stellen sich die Nackenhaare auf, das war schlicht unvorstellbar. Wir sind uns gewohnt, dass es viele Zuschauer hat. Aber im Ausland an einer Weltmeisterschaft mit einer allein 25'000 Fans fassenden, roten Westtribüne, die die Nationalhymne singt – fantastisch!

Dann sind wir bereits bei den obligaten Abschlussfragen. Wie weit kommt die Nati in Russland?
Wir werden in den Achtelfinal kommen, dort gegen den amtierenden Weltmeister spielen, diesem einen grandiosen Fight liefern und in den Viertelfinal einziehen.

Und wer wird Weltmeister?
Schwierig. Meistens gewinnt an einer WM nicht dasjenige Team, welches man vermutet. Und trotzdem gibt’s jeweils die üblichen Verdächtigen. Ich denke, dass insbesondere die Franzosen eine super Truppe haben.

Persönlich


Alter: 56
Wohnort: Magglingen
Aufgewachsen: Lengnau
Familie: 2 Töchter
Hobbys: Familie & Skifahren
In Magglingen seit: 1990
In der Nati seit: 2000