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WM-Serie, Teil 1: Geschichte des Fussballs

Walter Mengisen, Co-Rektor der EHSM und Stellvertretender Direktor des BASPO, nimmt den Weg zum Thron von «König Fussball» unter die Lupe.

11.06.2018 | Tobias Fankhauser

archivgoalie

«Dr Goalie bin ig.»  Foto: Archiv BASPO

 

Herr Mengisen, in wenigen Tagen geht’s los mit der WM in Russland. TV und Couch zurechtgerückt, Bier und Chips gekauft?
Ich habe das Glück, dass ich 2006 in Deutschland im beruflichen Kontext auch schon persönlich mit an einer WM dabei sein konnte. Ich werde mir sicher einige Spiele anschauen, nicht zuletzt auch beim traditionellen Public Viewing in unserem Quartier. Bier und Chips ist aber nicht so mein Ding, ich habe lieber ein gutes Glas Wein und ein Stück Fleisch dazu.

Welche Weltmeisterschaft ist die erste, an die Sie sich erinnern können?
Trotz meinem Jahrgang 1955 - die erste Weltmeisterschaft, die mir immer wieder über den Weg gelaufen ist, ist die von 1954 mit dem Wunder von Bern. Unsere beiden Häuser hier in Magglingen, das Bresil und das Schweizerhaus, zeigen wie wichtig auch für uns diese Fussball-WM war. Wir hatten dadurch auch einzigartige Aufnahmen aus dieser Zeit, die wir teuer hätten verkaufen können, dann aber dem ARD gratis zur Verfügung gestellt haben. Abgesehen davon habe ich die WM 1966 in England mit dem famosen Wembley-Tor, bei dem der Schweizer Schiedsrichter «Godi» Dienst eine gewisse Rolle gespielt hat, in Erinnerung.

Und gibt es ein Spiel, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ich erinnere mich vor allem an ein Spiel: Der Halbfinal der WM 2014, als Deutschland die Brasilianer mit 7:1 in den Keller geschickt hat. Da sind zwei Klischee-Welten aufeinander getroffen, eine spielende und eine arbeitende. Das hat mir als Anhänger des verspielten brasilianischen Fussballs richtig wehgetan.

England gilt als Mutterland des Fussballs. Wieso eigentlich?
Eigentlich stimmt diese Bezeichnung nicht. Man kann nachweislich zeigen, dass es in China bereits im dritten Jahrtausend vor Christus ein ähnliches Spiel gab. Auch bei den alten Hochkulturen in Mittelamerika und dann später auch in Japan gab es Ballspiele mit rituellem Charakter. Und im Mittelalter kam der «gioco del calcio», bei dem in Italien ganze Stadtteile gegeneinander spielten und versuchten, den Ball ins gegnerische Tor zu kicken oder zu tragen. Aber: England hat dann in den Elite-Unis und in den Public Schools begonnen, eine Rugby-Tradition aufzubauen. Die Regeln der verschiedenen Institutionen unterschieden sich jedoch, also veränderte und vereinheitlichte man diese Mitte des 19. Jahrhunderts. Das war gleichzeitig die Separation von Rugby und Fussball und die Gründung der englischen Fussball Association FA. Also kann man sagen, dass die heutige Form des Fussballs in England kreiert wurde.

Wann und wie hat der Fussball den Weg in die Schweiz gefunden?
Das hat mit der Entwicklung in Deutschland zu tun: Die ersten Migrationsströme, also Flüchtlinge, die vom Norden in die Schweiz kamen, brachten das Turnen anfangs des 19. Jahrhunderts in die Gymnasien und die Universitäten. In einer zweiten Welle Ende des 19. Jahrhunderts kam dann die Sportbewegung mit dem Fussball, die die Studentenschaft relativ schnell aufgenommen hat. In der Schweiz setzte sich der Fussball zuerst in der Romandie durch und hat sich von dort dann übers ganze Land verbreitet. 

Heute wird auf der ganzen Welt gekickt. Wie hat «König Fussball» seine globale Faszination erlangt?
Grundsätzlich hat sicher geholfen, dass Fussball ein einfaches Spiel ist: Man braucht nicht zwingend spezielle Ausrüstung und eine grosse Infrastruktur, nur einen flachen Platz, zwei Tore und einen Ball – und schon kann es losgehen. In den 1960er-Jahren hat die Mediatisierung des Sports dafür gesorgt, dass die Sportart Fussball auch medial weit verbreitet wurde und damit eine unheimliche Bedeutung bekam.

Wieso wird Fussball mit elf Spielern ausgetragen? Und wer hat das entschieden?
Das wurde in besagten Regeln Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Gründung der FA in England festgehalten. Eine These für diese Anzahl Spieler ist, dass die Schlafräume in den Privatschulen auf elf Schüler ausgelegt waren und die einzelnen Zimmer dann gegeneinander angetreten sind. Die heutige Anzahl Spieler füllt die genormten Spielfelder und erlaubt die taktische Anlage, die dieses Spiel hat.

Seit wann gibt es professionelle Spieler und Trainer, die ihr Geld ausschliesslich mit Fussball verdienen?
Die Professionalisierung ist sehr früh – Mitte des 19. Jahrhunderts – wiederum in England entstanden. Fussball war in den Anfängen vor allem eine Vergnügung für die oberen Schichten («to disport», sich vergnügen). Später haben dann auch die tieferen sozialen Schichten begonnen, sich mit diesem neuen Phänomen auseinanderzusetzen und das Ganze ist – nicht zuletzt mit der Mediatisierung ¬– gewachsen. Fussball wurde zum Produkt, das auf sehr grosser Ebene vermarktet werden konnte. Und so spielte plötzlich auch die englische Wettindustrie eine gewichtige Rolle, die viel Geld in dieses neue Business brachte.

Wie sehr hat das Bosman-Urteil den Fussball verändert?
Das Bosman-Urteil hat bewirkt, dass ein Spieler von einem Klub nicht mehr gesperrt werden konnte und hat die Fesseln der Fussballspieler ein bisschen gelockert. Drastisch ausgedrückt, war das Fussballgeschäft – oder ist es teilweise immer noch – eine Art Sklavenmarkt. Heute gibt es aber andere Spieler-Fesseln, wie beispielsweise die enormen Transfersummen, die in den Verträgen der Spieler festgesetzt werden. Klar, das Bosman-Urteil hat den Spielern eine gewisse Freiheit gegeben. Wenn man aber die marktwirtschaftlichen Bedingungen anschaut, sind es immer noch die Klubs oder deren Besitzer, die letztlich diktieren, wer wo spielen kann. Das ist für mich aus sportethischer Sicht eine sehr bedenkliche Entwicklung. Das Geld im Fussball hat Dimensionen angenommen, die dem Normalbürger kaum mehr verständlich sind.

Was waren andere Meilensteine in der Geschichte des Fussballs?
Wie in anderen Sportarten auch, hat die Professionalisierung in Kombination mit der Kommerzialisierung und Mediatisierung den Fussball sehr stark beeinflusst. Auch was heute technisch möglich ist, hat Meilenstein-Charakter. Hier in Magglingen haben wir zum Beispiel das «Local Positioning Measurement System», mit dem man neue Parameter erheben kann, die ein ganz anderes Training erlauben. Und dann ist da auch die gesellschaftliche Akzeptanz, die in den 1980er-Jahren eingesetzt und den Fussball verändert hat. Heute gehen auch Leute aus gesellschaftlich höher gestellten Schichten zum Fussball – und am nächsten Tag in die Oper. Der Fussball wurde zu einem Netzwerk-Event.

Die obligaten Fragen zum Schluss. Wie weit kommt die Nati in Russland?
Man muss einfach mal die aktuelle Weltrangliste anschauen und dann weiss man ungefähr, wo die Schweiz steht und wie das in ihrer Gruppe aussieht. Klar, es ist ein Turnier und es gibt Teams, die in Turnieren über sich hinaus wachsen. Aber wenn die Nationalmannschaft die Viertelfinals erreicht, kann man sagen; Ziel erreicht. Alles Weitere ist Zugabe und überlasse ich den Träumereien von Fussballfans.

Und wer wird Weltmeister?
Mein Herz liegt bei einer Mannschaft, die spielerisch, künstlerisch, virtuos auftritt. Ich möchte eine Darstellung von hoher Athletik und Technik geboten bekommen. So sind vor allem südamerikanische, vielleicht auch afrikanische Teams eher in meiner Gunst. Aber wie sagt man so schön: Brasilien spielt schön und Deutschland wird Weltmeister. Ich mag es auf jeden Fall jedem Team gönnen, das auf einer so hohen Ebene Fussball spielt. Dementsprechend habe ich keine Präferenz, denke aber auch nicht, dass die Schweiz Fussball-Weltmeister wird.
 

 

Persönlich

Walter Mengisen
Rektor EHSM und Vizedirektor BASPO

Alter: 63
Wohnort: Worben
Aufgewachsen: Seeland
Familie: Patchwork-Familie mit 5 erwachsenen Kindern und 2 Enkelkindern
Hobbys: Literatur, Eishockey, Sport allgemein, Fliegerei
In Magglingen seit: 1995 50 Prozent, 2002 Vollzeit