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WM-Serie, Teil 5: Der Turnier-Rasen ist ein feines Pflänzchen

Rasen ist nicht gleich Rasen. Der Leiter der Fachstelle Sportanlagen der EHSM, Niklaus Schwarz, erklärt das mehr oder weniger satte Grün der Fussball-Stadien.

03.07.2018 | Kommunikation BASPO, Christa Grötzinger

Schwarz kennt jede Unterlage.

Kennt das heilige Grün: Niklaus Schwarz.

 

Niklaus Schwarz, bist du im WM-Fieber?
Nein, der Meistertitel von YB in diesem Jahr war für mich persönlich wichtiger. Was die Schweizer Fussballnationalmannschaft macht, nehme ich einfach zur Kenntnis. Es gibt viele andere Sportarten, die mich mehr interessieren.

Wie stark beschäftigt dich der Fussball in der täglichen Arbeit?
In den Beratungen für Sportinfrastrukturen, welche die Fachstelle Sportanlagen anbietet, sind Fussballplätze ein häufiges Thema. Hauptsächlich stehen dabei immer wieder die Fragen zum Bedarf (Wie viele Plätze braucht es?), zur Nutzung der Felder im Winter und der Wunsch nach Kunststoffrasen im Fokus.

Wieso immer wieder Kunststoffrasen? An der WM wird ja nicht auf Kunststoffrasen gespielt?
Im Sommer ist es auch kein Problem, auf Naturrasen zu spielen. Der Fussball hat sich aber, auch in den unteren Ligen, zu einem Ganzjahressport entwickelt. Die Saison der höchsten Spielklasse startet in der Schweiz im August, dauert bis in den Dezember, und die Rückrunde ist dann von Februar bis Mai. In der für den Naturrasen idealen Zeit, im Sommer, wird nicht gespielt. Dafür werden die Plätze dann im Winter übernutzt, und da hat der Naturrasen seine pflanzenphysiologischen Grenzen. 

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Welche Grenzen sind das?
Zum Wachsen braucht der Rasen, was jede Pflanze benötigt: Licht, Wasser, Luft, Wärme und Nährstoffe. Fehlt einer oder fehlen mehrere dieser Wachstumsfaktoren, wächst der Rasen nicht mehr. Und ein abgespielter Naturrasenplatz kann sich durch das fehlende Wachstum nicht mehr regenerieren. In der Schweiz sind die klimatischen Bedingungen so, dass von ca. November bis Februar nicht genügend Sonnenlicht und Wärme für ein ausreichendes Rasenwachstum vorhanden sind.

Wenn ich Champions-League-Spiele schaue, sehen die Naturrasen in den Stadien aber immer top aus. Wie das?
In den ausländischen Top-Ligen wird ein sehr grosser Aufwand für die Rasenpflege betrieben. Da kümmern sich meist mehrere sogenannte «Greenkeeper» oder «Groundsmen» mit viel Handarbeit um die Plätze. Auch die weiteren Massnahmen sind viel umfangreicher: Fehlende Wärme wird mit Bodenheizungen und fehlendes Licht mit Beleuchtungsanlagen ausgeglichen. Für den Luftaustausch in den Stadien werden Gebläse eingesetzt, und die Nährstoffversorgung erfolgt mit Spezialdüngern. Zudem werden die Stadien nur für die Spiele gebraucht, ein Trainingsbetrieb darauf findet nicht statt.

Das tönt nach hohen Kosten?
Für ein gut gepflegtes Naturrasenfeld im kommunalen Bereich muss man mit jährlichen Unterhaltskosten von 40'000–60'000 Franken rechnen. Bei einem Stadionrasen, welcher auch im Winter benutzt werden soll, also mit Heizung und Beleuchtung, muss man von viel höheren Kosten, rund das 20-Fache, ausgehen. Wie die Spielersaläre sind auch die Unterhaltskosten der Spielfelder in der Champions League etwas höher.

Lassen wir das Geld mal beiseite und sprechen über Emotionen. Es ist doch viel schöner, auf einem Naturrasen Fussball zu spielen und dabei das Gras zu riechen?
Da muss ich zustimmen. Aber wie erläutert, ist dies im Winterhalbjahr in der Schweiz nicht ohne Einschränkungen, oder besser gesagt – nicht ohne zusätzliche Aufwendungen – möglich. Aus diesem Grund müsste man die Frage anders stellen: Worauf spielt man im Herbst und Winter lieber? Auf einem abgespielten, unebenen Naturrasenplatz oder auf einem qualitativ immer gleichwertigen Kunststoffrasenplatz, auf dem man nicht dreckig wird? Oder: Wie viel will man investieren, um im Winter auf einem Naturrasenplatz zu spielen?

Kommen wir zurück zu den WM-Stadien in Russland. Diese scheinen ja perfekte Naturrasenplätze zu haben?
Die meisten der Plätze, mit wenigen Ausnahmen, sind sogenannte «Hybridrasensysteme». Dies sind Naturrasenplätze mit einer Verstärkung aus Kunststofffasern in unterschiedlichen Ausführungen. Und die meisten der Plätze wurden von irischen Spezialisten gebaut, diese pflegen und unterhalten die Plätze nun auch während der WM.

Auch hier ist also Plastik im Spiel?
Ja genau. Die Verstärkung der Rasentragschicht mit Plastikfasern, der obersten Schicht, wo der Rasen wächst, soll die Widerstandsfähigkeit und die Ebenflächigkeit der Plätze erhöhen. Die Anforderungen an die Plätze sind in den vergangenen Jahren unweigerlich gestiegen, und auch das gesamte Spielsystem hat sich mit den besseren Plätzen verändert. Zum Beispiel kannte man in England lange die Taktik «Kick and Rush» und eher ein kampfbetontes Spiel. Heutzutage spricht man von «Tikitaka», mit vielen Pässen und einem technisch feinen Fussballspiel. Aus meiner Sicht hat dies auch mit dem Rasen bzw. mit der Qualität der Oberfläche zu tun. All die vielen Passfolgen können nur gespielt werden, wenn die Oberfläche dies auch zulässt. Für mich ist das vergleichbar mit dem Landhockey. Mit der Einführung des Kunststoffrasens in den 1980er Jahren hat sich das Landhockey total verändert. Die Pässe werden nun flach und nicht mehr hoch gespielt. Auch im Fussball lässt sich diese Veränderung beobachtet.

Wären dann solche Hybridrasen auch in der Schweiz die Lösung?
Nein, aus meiner Sicht ist dies nicht der richtige Weg. Die Pflege dieser Felder ist noch aufwendiger und kostenintensiver als bei normalem Naturrasen. Zudem wächst auch in diesen Feldern der Naturrasen nicht ohne Licht und Wärme. So sind diese Felder mit der aktuell vorhandenen Erfahrung noch teurer, da die Erstellung und auch der Unterhalt mehr kosten. Der Mehrwert ist somit nicht gegeben.

Dann sind wir bereits bei den obligaten Abschlussfragen. Wie weit kommt die Nati in Russland?
Die Nati kommt sicher bis nach Toljatti.

Und wer wird Weltmeister?
Die Besten.

Persönlich

Alter: 48
Wohnort: Biel
Aufgewachsen: Aarwangen
Hobbys: Sport (selber machen)
In Magglingen seit: 2010