Zurück zur Übersicht Startseite

WM-Serie, Teil 3: Markus Tschopp, der Nati-Leistungsdiagnostiker

Wer trainiert wann wie viel? EHSM-Sportphysiologe Markus Tschopp analysiert die Daten der Nati-Spieler bis ins kleinste Detail und sorgt dafür, dass die Schweizer Spieler an der WM in Russland auf den Punkt bereit sind.

19.06.2018 | Kommunikation BASPO, Tobias Fankhauser

Tschopp und Petkovic besteigen den Flieger.

Markus Tschopp (l.) und Trainer Vladimir Petkovic. Foto: Toto Marti

 

Was ist deine Aufgabe in der Nationalmannschaft, Markus?
Ich bin Leistungsphysiologe. Das heisst, ich kümmere mich um die physischen Aspekte unserer Spieler. Mein Aufgabengebiet gestaltet sich dabei sehr vielseitig. Da haben wir mal alles rund ums Training: vor der Einheit bin ich verantwortlich für die Planung der physischen Belastung, während dem Training für die Belastungssteuerung und nach dem Training für die Trainingsanalyse. Dann folgt das Spiel, in dessen Anschluss ich die Daten auswerte, die wir per Video erfasst haben. Wie haben wir uns im physischen Bereich im Vergleich mit dem Gegner geschlagen? Wie hat sich die Leistung im Verlaufe des Spiels entwickelt? Inwiefern haben sich die einzelnen Spieler im Vergleich mit vorangegangen Partien verändert? Dann gibt es stets auch die Thematik der Leistungsdiagnostik, in der ich Leistungstests mache. Weitere Aufgaben sind die Umsetzung der Konzepte unseres Ernährungswissenschaftlers und in Zusammenarbeit mit dem Team der Physiotherapie die Planung der Regeneration. In Sachen An- und Rückreise und in Bezug auf Jetlag oder klimatische Bedingungen habe ich zudem eine beratende Funktion.

Bei wie vielen Turnieren warst du bereits mit der Nationalmannschaft unterwegs?
Die WM in Russland ist mein fünftes Turnier mit der Nati.

Wie speziell ist das WM-Abenteuer hinsichtlich deiner Arbeit?
Sehr speziell. Die Dauer der Zeit mit dem Team und die Möglichkeiten der Einflussnahme unsererseits sind bedeutend grösser als bei einem normalen Zusammenzug. Auch die Planung über mehrere Spiele macht eine WM aussergewöhnlich. Und der Fokus der Spieler liegt zu hundert Prozent auf dem Turnier, da gibt es absolut nichts Anderes. Das ist sehr cool.

 

Wann hast du mit deinen WM-Vorbereitungen begonnen?
Im Fall von Russland müssen wir uns im Gegensatz zur WM in Brasilien nicht auf besondere klimatische Bedingungen einstellen. Dementsprechend konnten wir unsere Vorbereitung etwas später beginnen. So richtig losgegangen ist es für uns nach der Auslosung. Dann haben wir uns mal eine zeitliche Grobplanung zurechtgelegt und uns Gedanken über Zusammenzug, Camp, Anreise und Testspiele gemacht. Da wir alle drei Gruppenspiele am Abend spielen werden und grosse Distanzen mit verschiedenen Zeitzonen zurücklegen müssen, werden wir – anders als bei vorangehenden Turnieren – heuer auch erst am nächsten Tag zurückfliegen, was einen anderen Ablauf verlangt. Beim März-Zusammenzug haben wir dann die komplette Trainingsplanung mit dem Staff besprochen. Gleichzeitig hat zu diesem Zeitpunkt die heisse Phase hinsichtlich der Formentwicklung unserer Spieler begonnen.

Merkst du, dass die Spieler eine lange Saison hinter sich haben und eine gewisse Müdigkeit mitbringen?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Spieler, wie ein Granit Xhaka bei Arsenal, die sehr viel gespielt haben. Und es gibt Spieler, wie ein Josip Drmic bei Gladbach, die weniger gespielt haben, weil sie verletzt waren. Dementsprechend unterschiedlich ist auch ihre Belastungssituation. Die Belastungssteuerung ist daher ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit.

Beschreibe uns einen normalen WM-Tag von dir.
Nach dem Aufstehen frage ich die Spieler per SMS oder mit meinem Laptop, den ich beim Frühstücksbuffet platziere, nach deren Befinden. Dann nehme ich das Frühstück zu mir. Anschliessend muss ich meine Geräte fürs Morgentraining vorbereiten, das Material bereitmachen, Einstellungen vornehmen. Dann hole ich in der Küche die Drinks, die ich am Abend zuvor bestellt habe. Jetzt geht’s ins Training: Laptop und GPS-System aufbauen und bei Übungen, die wir zuvor definiert haben, intervenieren. Unmittelbar nach dem Training gilt es die Regenerationsdrinks zu verteilen, die GPS-Sender einzusammeln und zusammenzuräumen. Auf der Heimreise im Bus frage ich die Spieler nach der empfundenen Intensität des Trainings und beginne danach mit der Auswertung der Daten. Dann steht das Mittagessen an, gefolgt von einem Trainings-Feedback an den Trainer. Bei genügend Zeit nehme ich danach oft Messungen oder Tests mit einzelnen Spielern vor, ehe es wieder ans Vorbereiten und Durchführen des zweiten Trainings geht. Nun helfe ich bei der Regeneration mit. Nach dem Abendessen gilt es wiederum die Daten auszuwerten und in der Folge den nächsten Tag mit dem Staff zu besprechen. Dann sind noch Aufträge an die Küche zu erteilen – und ab ins Bett.

Wann hast du deinen Job gut gemacht?
Am Schluss steht und fällt alles mit dem Ergebnis. Überspitzt gesagt: Wenn du gewinnst, war alles gut, wenn du verlierst, war alles schlecht. Das ist einerseits spannend und auch das Faszinierende am Fussball, weil das Tor in der 90. Minute dann eben enorme Konsequenzen hat. Andererseits widerspiegelt das Ergebnis aber auch nicht alle Aspekte der Arbeit. Deshalb sind sicher noch andere Kriterien für mich wichtig. Wir verfolgen zum Beispiel das Ziel, dass dem Trainer möglichst jeder Spieler bis zum letzten Spiel fit zur Verfügung steht. Dann sollen die Spieler auch im Spiel selbst bereit sein und eine gute physische Leistung zeigen. Ebenso muss auch technisch alles klappen und unsere Massnahmen ohne gröbere Pannen über die Bühne gehen. Und nicht zuletzt sind uns die Rückmeldungen der Spieler und natürlich das Feedback des Trainers sehr wichtig.

Tipps, Weisungen, Pläne, Regeln – die Nati-Stars vertrauen dir und deinen Kollegen fast blind?
Das ist nicht bei allen Spielern gleich. Ein Vorteil ist aber sicher die Langfristigkeit unserer Zusammenarbeit. Die Mehrheit unseres Kaders war bereits als Nachwuchsspieler bei uns in Magglingen und kennt uns bestens. Zudem haben wir schon einige Turniere miteinander bestritten und die Vertrauensbasis ist dementsprechend gross. Und dann ist eine Weltmeisterschaft schlicht das Non-Plus-Ultra in der Karriere eines Fussballers und jeder einzelne will das Maximum zeigen können. Das hilft auch uns.

Bist du vorwiegend mit den Spielern im Gespräch oder steht der Dialog mit dem Trainer im Vordergrund?
Sowohl als auch. In einer Gruppe ist die Kommunikation extrem wichtig. Mit dem Trainer pflege ich einen ständigen Austausch, bei den Spielern ist es ein Teamwork zwischen dem Medical Team, dem Konditionstrainer und mir. Wer ist für was zuständig? Wer macht was? Da sind wir aufeinander angewiesen. Für ein effektives Miteinander ist die Vertrauensbasis zu den Spielern von enormer Bedeutung.

Hat sich die Fitness der Spieler über all die Jahre erheblich verändert, wenn du die Daten der verschiedenen Turniere miteinander vergleichst?
Ja, da hat es eine ziemliche Entwicklung gegeben. Die Spieldaten können wir zwar erst seit 2014 systematisch miteinander vergleichen, aber wenn man die Leistungsmessungen heranzieht, die teilweise noch gleich funktionieren wie im Jahr 2004, zeigt sich vor allem in Sachen Explosivität und Schnelligkeit eine grosse Steigerung. Alle jungen Spieler, die heutzutage den Sprung schaffen, sind in diesen Werten sehr gut. Oder anders gesagt: wenn du die physischen Fähigkeiten nicht mitbringst, kannst du dich in der heutigen Zeit nicht durchsetzen. Das war früher nicht derart ausgeprägt. Da konnte man sich teilweise noch mit guter Technik oder Taktik behaupten.

Gibt es zwischen den verschiedenen Ligen und Klubs, in denen die Spieler engagiert sind, erhebliche Unterschiede in Bezug auf Leistungsdiagnostik?
Ligenspezifische Unterschiede sind nicht auszumachen. Bei den Klubs hingegen gibt es sehr grosse Differenzen. Dabei sind nicht immer die grossen Vereine am besten aufgestellt. Vielmehr ist die jeweilige Umsetzung von gewissen Personen abhängig. Insbesondere im Bereich der Kraft und Explosivität wird sehr unterschiedlich gearbeitet. Gewisse Trainer lassen das mehrfach in der Woche trainieren, andere hingegen überlassen es den Spielern selbst, ob sie dafür was tun wollen. Das wirkt sich dann entsprechend auf die jeweiligen Athleten aus. Grundsätzlich hat aber der Stellenwert und die Professionalisierung der ganzen Spieler-Betreuung stark zugenommen.

Wird die zunehmende Gewichtung der Leistungsdiagnostik in absehbarer Zeit auch in den Breitensport fliessen?
Gewisse Sachen werden stets in den Breitensport überschwappen. Ich denke da an Trainingsinhalte, Verletzungsprävention, Übungen, die unabhängig davon sind, wo du spielst. Ein Beispiel aus dem Bereich der Ausdauer sind die früher sehr verbreiteten Waldläufe, die man heutzutage aber auch im Breitensport nicht mehr oft sieht. Und trotzdem sind viele Themen eben doch mit personellem Aufwand verbunden. Viel wichtiger für den Breitensportler ist, dass er die einfachen Dinge richtig macht. Es bringt nichts, Daten zu messen und zu analysieren, wenn die Basis nicht vorhanden ist. Von dem her wird die Rolle von sportwissenschaftlich unterstützten Methoden vorwiegend im Leistungssport bedeutend bleiben. Und selbst dort sind die einfachen Dinge die wichtigsten: genügend Schlaf, eine gute Basisernährung, eine schlaue Trainingsplanung. Dafür braucht es keine speziellen Technologien oder Analysetools.

Unterscheiden sich die Werte von Nati-Spielern erheblich von denjenigen von Amateuren?
Wir unterscheiden zwischen Volumen und Intensität. Unter Volumen fallen beispielsweise die gelaufenen Kilometer insgesamt oder die gelaufenen Kilometer über einer bestimmten Geschwindigkeitsschwelle. Unter Intensität hingegen verstehen wir Parameter wie die Anzahl Sprints über einer bestimmten Geschwindigkeit oder die absolvierte Distanz pro Minute. Ein Amateurfussballer läuft wie ein Nati-Spieler in der Regel zwischen 10,5 und 12 Kilometer. Die Differenz zwischen Profi und Amateur liegt vor allem in der Intensität.

Die obligaten Fragen zum Schluss. Wie weit kommt die Nati an der WM?
Das ist extrem abhängig, wen du als Gegner kriegst. Wenn wir die Gruppenphase überstehen, ist das schon sehr gut. Das Abschneiden hängt auch stark davon ab, welche Spieler wir zur Verfügung haben, wer wie fit ist. Wenn wir die besten Elf im bestmöglichen Leistungszustand haben, dann ist es durchaus möglich, dass wir in die Viertelfinals kommen. Aber bis dahin kann noch viel passieren. Ich hoffe, dass uns die Turniererfahrung hilft.

Und wer wird Weltmeister?
Italien (lacht). Im Final stehen sich Brasilien oder Argentinien und Frankreich oder Deutschland gegenüber. Ich denke aber nicht, dass es Deutschland ein zweites Mal in Folge packt.

Persönlich

Alter: 48
Wohnort: Biel
Aufgewachsen: Willisau
Familie: Verheiratet. Sohn (14) und 2 Töchter (13, 9)
Hobbys: Bike, Ski alpin, Fasnacht
In Magglingen seit: 2000
In der Nati seit: 2004