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WM-Serie, Teil 4: Die WM unter der Lupe der Sportökonomie

Die Fussball-WM begeistert Milliarden von Menschen. Jeremy Weill, Sportökonom der EHSM, beleuchtet die sport-wirtschaftlichen Aspekte des Turniers.

27.06.2018 | Kommunikation BASPO, Tobias Fankhauser

Weill analysiert die Weltmeisterschaft wirtschaftlich.

Jeremy Weill. Foto: BASPO

 

Fussball, Fussball, Fussball. In den Zeitungen, im Fernsehen, auf der Strasse. An der WM in Russland führt derzeit kein Weg vorbei. Das WM-Fieber hat sich einmal mehr flächendeckend ausgebreitet. Auch bei Jeremy Weill, Sportökonom an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM), schlägt das Fussballerherz mittlerweile im WM-Takt. Noch vor wenigen Wochen blutete es - den historischen YB-Meistertitel musste der eingefleischte FCB-Fan erstmal verdauen. «Wenigstens haben die Berner nicht auch noch die Cup-Trophäe geholt», schmunzelt der Basler.

Wie verfolgt denn ein Sportökonom eine Fussball-Weltmeisterschaft? «Wie jeder andere Fussballfan auch.» Und doch gehen ihm gelegentlich Fragen seiner täglichen Arbeit durch den Kopf: ‘Wie sieht die Sponsoren-Situation aus?’ ‘Was wird durch Volunteers abgedeckt?’ ‘Wie wird der Event verkauft?’ ‘Was wird wohl aus den neu errichteten Stadien?’ Ganz ohne sport-wirtschaftliche Analysen geht’s dann eben doch nicht. Obschon er sagt: «Grundsätzlich liegt unser Forschungs-Fokus eher auf den Olympischen Spielen und im Wintersport.» Aber für einen Sportökonomen stehe bei einer Fussball-WM derselbe Aspekt im Interessens-Zentrum, wie bei Olympischen Spielen; die Nachhaltigkeit.

«Bei der Nachhaltigkeit sprechen wir jeweils von drei Punkten: Wirtschaft, Soziales und Umwelt,» so Weill. «Wirtschaftlich dürfte die WM kaum nachhaltig sein. Immerhin dürfte mit temporären Stellen die Arbeitslosigkeit kurzfristig etwas gesenkt werden.» Besser sehe es im sozialen Bereich aus. Da könnten die Aufwertung oder die Schaffung von Quartieren beispielsweise für mehr Wohnraum sorgen. Wobei dieser Effekt eher bei Olympischen Spielen als bei Weltmeisterschaften zu beobachten sei. Ebenfalls ein positiver sozialer Effekt könne vermehrtes Sporttreiben von Kindern sein. Und in punkto Umwelt-Nachhaltigkeit finden sich Beispiele wie Mehrwegbecher oder der Bezug von regionalen Produkten.

Wirtschafts-Booster Weltmeisterschaft?

Für die Gesamtwirtschaft Russlands prognostiziert Weill keine grossen WM-Auswirkungen. Er führt das Beispiel der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich an: «In der Schweiz hat die EM 2008 zwar insgesamt mehr Logiernächte generiert. Bei genauerem Hinschauen wird jedoch eine Verdrängung der Gäste ersichtlich; Nicht-Fussballfans mieden die Schweizer Städte in dieser Zeit. Eine WM ist für die Gesamtwirtschaft eines Landes nicht wie ein Lottosechser.»

Vielmehr gebe es auch die wirtschaftlich negativen Folgen einer WM zu beachten. Die haben sich laut Weill in Brasilien, dem WM-Gastgeberland 2014, exemplarisch gezeigt. «Die Schweiz hat in Manaus gegen Honduras gespielt. In einem Stadion, das extra für die WM erbaut wurde. Und seither wird es kaum genutzt: kein Klub, der darin spielt, keine regelmässigen Veranstaltungen. Die Unterhalts- und Sicherheitskosten belaufen sich für den Gliedstaat Amazonas monatlich auf fast 200'000 Franken, die Schulden laufen weitere 15 Jahre weiter. Solche ‘Weisse Elefanten’ – also Stadien, die leer stehen und keine Aufgabe haben - sind Irrsinn.»

Die Schweiz als WM-Ausrichterin?

Aus sportökonomischer Sicht würde eine WM gemäss Weills persönlicher Meinung in der Schweiz keinen Sinn machen. «Mindestens 12 grosse Stadien – das wäre für unser kleines Land nicht zu stemmen.» Zumal die zu investierende Summe für einen WM-Ausrichter immens ist. Im zweistelligen Milliardenbereich schätzt der Sportökonom die finanziellen Aufwendungen in Russland.»

Teilnehmer statt Gastgeber – die Schweiz kann sich auf die sportliche Leistung auf dem Rasen konzentrieren. Und die kann gemäss Weill auch hierzulande positive wirtschaftliche Folgen haben. «Für gewisse Sektoren ist es sehr wichtig, dass die Nati weit kommt. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Biermarkt. Umso weiter es die Schweiz im Turnier schafft, umso mehr Bier wird abgesetzt. Plötzlich sitzen auch die Nicht-Fussballfans mit einem Bier vor dem TV. Schweizer Siege sind finanziell definitiv lukrativ für die Bierproduzenten.»

Ebenfalls interessant für die Schweiz sind die Einnahmen der FIFA und allgemein der internationalen Sportverbände in den Jahren von Grossevents. Diese Einnahmen haben sogar einen kleinen Einfluss auf das Bruttoinlandprodukt der Schweiz.

Und wie weit schafft es denn unsere Nationalmannschaft in Russland, Jeremy Weill? «Wir kommen in die Achtelfinals. Für mehr reicht es leider nicht. Eigentlich habe ich Spanien ganz vorne gesehen, aber nach den ganzen Turbulenzen rund um den Trainerwechsel zwei Tage vor Turnierstart wird es schwierig. Deshalb tippe ich auf Frankreich, da sie mit Antoine Griezmann ein Genie in den eigenen Reihen haben.

 

Persönlich

Alter: 28
Wohnort: Basel
Aufgewachsen: Basel, Washington, Zürich
Familie: ledig
Hobbys: Fussball, Tennis, Gitarre, Geschichte/Politik
In Magglingen seit: Januar 2016